Sind wir nicht alle ein bisschen bio?

Biomilch? Klar! Doch bei Sneakers und Smartphones sind wir schon nicht mehr so öko. Wie weit diktiert unser Image unseren Konsum?

Wenn Bionahrungsmittel ein Post auf Facebook wären, würden wir alle den „Gefällt mir“-Button drücken. Was Lebensmittel betrifft, haben alle ein ökologisches Bewusstsein; alle überlegen vorher, ob sie die Salami vom Discounter oder aus dem Supermarkt nehmen und den Käse im Bioladen kaufen oder vom regionalen Bauernhof auf dem Wochenmarkt. Schweinemäßige Schweinehaltung, lethale Legebatterien oder klaustrophobische Kuhställe nehmen sie nicht mehr hin.

Sarah arbeitet in der Musikbranche. Sie kauft Bio für den Umweltschutz und den Erhalt des Ökosystems. „Dass Pflanzen mit Giften behandelt werden, die Insekten abtöten, möchte ich nicht unterstützen. Auch nicht, dass die Arbeiter vor Ort Allergien oder Krankheiten bekommen.“ Die 26-Jährige Berlinerin findet: „Auch wenn man sich nicht immer sicher sein kann, ob alle Bioprodukte tatsächlich Bio sind: Immer noch besser, die zu kaufen, als ganz auf Bio zu verzichten.“ Tobias (32) ist Profi-Biokäufer. Er isst nur Bio vom Markt und von Lieferservices. „Biologisch angebautes Essen dient gewissen Mindestanforderungen für ressourcenschonende Herstellung und geringen Einsatz von Chemie und Konservierungsstoffen. Außerdem wird mehr auf das Wohl der Tiere geachtet.“

Bewusste Ernährung gehört also immer mehr zu unserem Alltag. Das belegt auch die Zunahme von fairem Handel, wie ihn Biolandwirt und Autor Felix zu Löwenstein in seinem Buch „Food Crash“ aufzeigt: Zwischen 2006 und 2009 verdreifachte sich der Umsatz von jährlich 110 auf 320 Millionen Euro. (Bio-)Peanuts im Vergleich zum gesamten Lebensmittelmarkt. Und doch ein Beweis dafür, dass uns die Wertschöpfungskette nicht mehr egal ist. Wobei wir nicht immer nur aus selbstlosen Weltrettermotiven nachhaltig sein müssen – wir dürfen dabei auch eitel sein: „Ich achte bei der Ernährung auf Bio, weil es mich direkt betrifft“, erklärt Tobias. „Das, was ich zu mir nehme, ist das, was ich bin. Mein Körper ist das wichtigste Gut, das ich besitze.“ Ist das nicht toll? Egoistisch konsumieren – und doch etwas Gutes tun. Bio macht’s möglich.

 

Bei Bio-Kleidung reißt unsere Überzeugung an den Nähten auf

 

Wenn es aber um das geht, was unsere gesunden Körper bekleidet, reißt unsere Überzeugung von der Richtigkeit nachhaltigen Konsums an den Nähten ein wenig auf. Zwar sind sich Sarah und Co. prinzipiell darüber im Klaren, dass es nicht okay ist, für Sklavenlöhne in Kambodscha oder Mexiko produzierte Jeans bei Billigmodeketten zu ershoppen – bei der Hälfte der Befragten spielen aber finanzielle Gründe eine Rolle beim Klamottenkauf. „Wenn ich es mir finanziell leisten könnte, würde ich da definitiv mehr drauf achten“, erklärt Sophie. „Aber als Studentin ist die Geldbörse schmal, deshalb kauf’ ich das, was nicht so teuer ist und trotzdem schick aussieht.“ Firmen, die für ihre ausbeuterischen Methoden weitläufig bekannt sind, meidet Germanistikstudent Daniel, der sonst kauft, was günstig ist: „Ich kann nur das Geld ausgeben, das ich habe.“ Sabrina, 29 und Doktorandin im Fachbereich Religionswissenschaft, ist beim Klamottenkauf nicht so konsequent, wie sie gerne wäre, weiß aber: „Die Erfahrung zeigt, dass es sich nicht lohnt, wenig Geld für viel Ware von geringer Qualität auszugeben.“

 

„Wenn ich für einen nachhaltig produzierten Pullover 50 Euro mehr ausgebe, könnte ich damit eigentlich auch viele Bioeier mehr kaufen.“

 

Jennifer kauft ebenfalls bei großen Modeläden, weil sie sich vieles andere nicht leisten kann. „Ich fühle mich nicht wohl dabei, aber man kann eben nicht alles haben.“ So argumentieren andere auch: Sie rechnen den Kauf von günstigen Klamotten gegen ihren verantwortungsvollen Konsum in anderen Bereichen auf, wie Sarah, die Vegetarierin ist, Energie spart, Ökostrom bezieht oder spendet. Andere wollen nicht weniger Bio essen können, weil sie Bio tragen. „Als ich mal Vollzeit gearbeitet habe und mehr Geld zur Verfügung hatte, habe ich nachhaltiger gekauft. Aber wenn ich für einen nachhaltig produzierten Pullover 50 Euro mehr ausgebe, könnte ich damit eigentlich auch viele Bioeier mehr kaufen“, sagt Jennifer. Sie erläutert ihr Dilemma und ihre Konsumstrategie: „Natürlich ist es naiv zu glauben, man hätte keinen Einfluss auf Arbeitsbedingungen und die ökologische Ausrichtung von Unternehmen. Mit seinem Kauf gibt man seine Stimme ab. Ich versuche eine Stimme abzugeben, die Sinn macht. Aber das ist wie eine Wahl: Es gibt eine Art Fünf-Prozent-Klausel, und solange nicht genug andere Menschen bestimmte Produkte auch unterstützen, ist das eine verlorene Stimme. Also versuche ich, mir Unternehmen zu suchen, die die Dinge zwar noch nicht ganz so machen, wie ich es gut fände, deren Produkte ich mir aber leisten kann und die so eine gewisse Aufmerksamkeit bekommen. Strategisches Wählen.“

Sabrina sieht das ähnlich: „Ich trage eine Verantwortung, wenn durch meinen Konsum andere Menschen leiden müssen. Das überhaupt wahrzunehmen ist der erste Schritt, um das eigene Kaufverhalten zu ändern. Wenn ich also ein Produkt zum Schnäppchenpreis kaufe, dann fühle ich mich einen kurzen Moment nicht gut. Oftmals überwiegt dann aber doch die Freude über das Schnäppchen. Sich das einzugestehen und bewusst zu machen ist nicht einfach.“ Sabrina zieht daraus Konsequenzen: „Ich frage mich wirklich jedes Mal, ob ich eine Sache wirklich brauche und ob Preis und Herkunft in Ordnung sind.“ So macht es auch Tobias, wobei er klassische Schnäppchen meidet: „Ich achte darauf, nicht permanent neue Sachen zu kaufen, kaufe auch meist qualitativ hochwertige Ware, am besten gebraucht oder im Angebot. Mir gefällt Massenware nicht, zudem will ich durch meinen Konsum nicht die Produktionsmethoden großer Unternehmen unterstützen.“ Sarah hingegen wählt den Weg des Wertstoffkreislaufs: Sie shoppt in Secondhand-Läden. „Ich kaufe mir auch gebrauchte billige Klamotten, da ich mir denke: Jetzt ist es ja schon gekauft worden, dann kann ich es auch weiterverwerten.“ Sabrina kauft wie Sarah auch Secondhand, aber auch bei Designern im Internet. Sophie gibt Pullover und Jacken, die sie nicht mehr haben will, in den Kleiderkreisel, eine Online-Tauschbörse für ausrangierte Klamotten. Auffällig ist: Trotz des Bemühens, fair zu kaufen, kauft keiner bei Eco-Fashion-Anbietern, weil die nicht bekannt oder zu teuer sind oder weil deren Mode nicht ankommt.

 

Dass wir blind kaufen, was der Sale uns hinwirft – diesen Schuh ziehen wir uns nicht an

 

Nestlé, der größte Lebensmittelkonzern der Welt, will in einer Studie herausgefunden haben, dass wir zwar alle gegen Kinderarbeit und Ausbeutung und für faire Preise und faire Löhne sind – aber dass wir nicht bereit sind, dafür auch mehr zu zahlen. Die von uns Befragten geben ein ganz anderes Bild ab: Alle würden mehr Geld für mehr Fairness und rücksichtsvolle Herstellung ausgeben, verlangen dafür aber auch verlässlich hohe Qualität und die Garantie, dass das mehr bezahlte Geld auch wirklich bei den Arbeitern ankommt (Sophie: „Denn sonst freut sich über das Geld nur der Produktionschef!“). Es gilt: Je mehr Geld wir haben, desto mehr geben wir für grüne Mode aus. Sabrina fordert daher mehr Transparenz: „Ich bin dafür, dass auf den Produkten angegeben wird, wie viel Prozent des Kaufpreises für welche Produktionsschritte verwendet wurde. Oder dass es dazu einen Weblink gibt.“

Anmerkung: Transparenz gibt es – zumindest im Kleinen –, das Berliner Modelabel Hund Hund macht es vor und schlüsselt genau auf, wie sich die Preise ihrer Klamotten zusammensetzen.

Dass wir blind kaufen, was der Sale uns hinwirft – diesen Schuh ziehen wir uns jedenfalls nicht an, auch nicht, wenn er aus Biobaumwolle und Naturkautschuk wäre.

 

Müssen wir mit in Korea und Taiwan billig hergestellten Smartphones twittern und mailen?

 

Bei Handys und Fernsehern erlebt unser Bemühen, fair zu kaufen, einen Systemfehler. Jedoch: Wir kaufen die gehypten, aber unfair produzierten Elektronikwaren nicht, weil wir uns von einer bestimmten Marke ein bestimmtes Image versprechen. Wir müssen mit in Korea und Taiwan billig hergestellten Smartphones twittern und mailen, weil die meisten Firmen ausschließlich in Niedriglohnländern herstellen. Aber: Rausreden dürfen wir uns damit nicht – ein wenig Nachhaltigkeitsdetektiv kann in Zeiten des World Wide Web jeder spielen. Durch das persönliche Konsumverhalten trägt man zum Beispiel eine Mitverantwortung für die Lebensbedingungen der chinesischen Mitarbeiter von Foxconn, dem weltweit größten Zulieferer für Computer und Unterhaltungselektronik, die bis zu 80 Stunden die Woche für 40 Euro im Monat arbeiten. Weist man die Befragten darauf hin, sagen sie: Sie wüssten zu wenig über die Fakten. Sie hätten nach einem halben Monat nichts mehr zu essen, wenn sie nur vertretbare Elektronikware kaufen würden; andere gehen gar nicht erst in Elektrogroßmärkte, die diese Produkte verkaufen.

 

Welthandelsversion des Schmetterlingseffekts

 

Alle, mit denen ich gesprochen haben, haben alle ein Problembewusstsein. Lösungen haben sie nicht. Sarah ist sogar desillusioniert: „Mir ist bewusst, dass ich am Leid in der Welt eine Mitschuld trage, wie jeder Mensch. Für mich hebt sich das Problem mit diesen Konzernen und Produkten aber nicht deutlich von den anderen Problemen ab, die ich ohne es zu wollen mit verursache. Es gibt so viel, was ich tue, was anderen schadet, dass eigentlich mein ganzes Lebenskonzept für den Arsch ist.“ Jennifer ergänzt diese Welthandelsversion des Schmetterlingseffekts: „Ja, ein Stück weit fühle ich mich schlecht, aber mal ehrlich: Auf der Welt passieren so viele beschissene Dinge, und ich kann nicht jedes Leid mitfühlen, das passiert. Ich trage genau so viel Mitschuld an der Situation eines fremden Menschen, dessen Probleme ich nicht ausgelöst, dem ich aber auch nicht geholfen habe, wie ich an der Situation der Angestellten Schuld bin, deren ausbeuterische Arbeitgeber ich durch mein Konsumverhalten unterstützte.“

Tobias geht an die Sache rationaler ran: Er boykottiert bestimmte Unternehmen, weist aber auch auf die kaum vorhandenen Alternativen hin: „Es ist in bestimmten Bereichen sehr, sehr schwierig, bestimmte Anbieter zu umgehen, da auf dem Elektroniksektor kaum Auswahlmöglichkeiten bestehen.“ Bei einem aber treten Daniel, Sophie, Sabrina, Tobias, Sarah und Jennifer geschlossen auf: Sie fordern Biosiegel nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für Kleidung und Unterhaltungselektronik. Das würde das Problem der fehlenden Informationen über Produktionsprozesse und die Umweltverträglichkeit von, sagen wir, einer Trainingsjacke lösen. „Es ist generell wünschenswert, mit Zertifizierungen und Siegeln zu arbeiten, denn das erhöht die Auseinandersetzung mit dem Produkt beim Kauf und weist auf die Problematik und Alternativen hin“, ist sich Tobias sicher. „Viele Konsumenten würden sich anders entscheiden, hätten sie eine Wahl.“ Was Sophie prompt bestätigt: „Wenn ich wüsste, dass die Biosiegel safe sind, würde ich lieber diese Produkte kaufen.“ Doch eines muss bei einem möglichen Mode- und Elektrosiegel für alle garantiert sein: sorgfältig erarbeitete Kriterien. Bis die EU oder die Welthandelsorganisation sich zu so etwas durchringen, hilft man sich zum Beispiel mit Carrotmobs, Spontanzusammenläufen, bei denen man für einen begrenzten Zeitraum gezielt in einem Laden einkauft und dieser einen Teil des so erzielten Gewinnes in die klimagerechte Sanierung seiner Räumlichkeiten investiert.

Und von wegen Trendgadget: Nur einer der Fünf hat ein Modetelefon von der Firma mit dem angebissenen Apfel. Sophie benutzt sogar das ausrangierte Handy ihrer Schwester – und nicht einmal den Hersteller weiß sie auf Anhieb. Soviel zur vielzitierten Markenhörigkeit …

 

„Verantwortungsvoller Konsument zu sein ist doch ein tolles Image!“

 

In seinem Buch „Einfach ein gutes Leben – Aufbruch in eine neue Gesellschaft“ schreibt Autor Peter Plöger über die modernen Konsumenten: „Sie sind nicht länger zufrieden mit Lebensmitteln, die billig industriell gefertigt werden. Sie wollen keine Kleidung mehr, die nach einem halben Jahr ausbleicht und mit deren Kauf sie Hersteller unterstützen, die ArbeiterInnen schlecht bezahlen und zu inakzeptablen Bedingungen schuften lassen.“ Statt ihre Außendarstellung zu pflegen, wollen auch Daniel, Sophie, Sabrina, Tobias, Sarah und Jennifer lieber verantwortungsvoll konsumieren. „Ich kümmere mich wenig darum, von welcher Marke die meisten Dinge sind“, winkt Sophie ab, und Daniel verzieht das Gesicht: Sein Image über die Klamotten zu definieren, das höre doch in der achten Klasse auf. Sabrina verklammert Billigware mit der Imagefrage. „Alles ist beliebig, austauschbar und ersetzbar. Möchte ich ein Image haben, das beliebig ist? Vermutlich wäre viel gewonnen, wenn es zum hippen Image wird, einen Mittelweg zwischen verantwortungsvollem Konsum und persönlicher Imagepflege einzuschlagen.“ Auf diesem Weg ist Sarah schon. Sie findet: „Verantwortungsvoller Konsument zu sein ist doch ein tolles Image!“

Und Jennifer packt es in einen Slogan: „Nachhaltig ist das neue Cool. Wir sind die Generation Verantwortungsvoll, von uns wird erwartet, Ideen zu haben, die größer sind als wir selbst.“ Sie sagt das mit viel Respekt und auch ordentlich Bammel in der Stimme. Aber um die Frage aus dem Vorspann zu beantworten: Nein, unser Image bestimmt nicht unseren Konsum, unser Konsum bestimmt unser Image, und beides wird immer bewusster und untrendiger. Irgendwann sind wir voll öko. Früher, da war das mal eine Beleidigung …

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