Contemporary Music

Die Editors lieben es 2018 brutal, brachial – und wahrhaftig

Bei den Editors weiß man nie, welche musikalische Richtung sie mit einer neuen Platte einschlagen. Klar ist hingegen: „Violence“ wird inhaltlich düster. Sogar so sehr, dass selbst ein Loblied auf die Freundschaft Unbehagen auslösen kann! Das freut Sänger Tom Smith ungemein.

Carsten Schrader: Tom, Justin, mit den Editors habt ihr euch inzwischen komplett freigespielt. Nachdem ihr das sechste Album angekündigt habt, wurde in der Redaktion gestritten, in welche Richtung es gehen könnte – und da war fast jedes Genre in der Diskussion. Es gab sogar die Vermutung, ihr würdet mit einem frischen Ansatz zu den Wavegitarren vom Debüt zurückkehren.

Tom Smith: Um Himmels willen, nein. Vor ein paar Tagen lief „Munich“ im Radio, und von der jugendlichen Energie des Songs habe ich mich ziemlich erschlagen gefühlt. (lacht)

Justin Lockey: Stimmt, wenn wir das Stück selbst spielen, fällt mir das Tempo gar nicht so auf.

Tom Smith: Das Debüt liegt jetzt 13 oder 14 Jahre zurück, aber es fühlt sich viel länger an. Es macht immer noch Spaß, die Songs von „The Back Room“ bei Konzerten zu spielen, trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie uns heute nicht mehr entsprechen. Vielleicht bilden sie den momentanen Zeitgeist wieder ziemlich gut ab, trotzdem habe ich diesem Ansatz nichts hinzuzufügen. Mir geht es um neue Ausdrucksweisen, die ich selbst auch aufregend finde.

Carsten Schrader: Tatsächlich klingt „Violence“ wie eine direkte Weiterentwicklung von „In this Light and on this Evening“ aus dem Jahr 2009.

Tom Smith: Vermutlich ist es die Platte, die wir eigentlich schon damals machen wollten. Doch bei „The Weight of your Love“ mussten wir gleich zwei neue Bandmitglieder integrieren, und da war es leichter, zunächst ein relativ konventionelles Gitarrenalbum aufzunehmen. „In Dream“ war dann schon elektronisch, nur eben experimenteller und sehr verschwommen. Wir brauchten diesen kreativen Rückzug fürs Bandgefühl, und im Nachhinein betrachte ich den Vorgänger als unsere Findungsplatte. Die Editors sind heute eine stärkere Einheit als je zuvor.

Carsten Schrader: „Violence“ greift den alten Plan auf, Gitarren und Elektronik gleichberechtigt und unaufgesetzt zusammenzubringen. Bei Songs wie „Hallelujah (so low)“ oder auch der Single „Magazine“ fahrt ihr brachialen Industriallärm auf – doch schärft der Kontrast vor allem die Eingängigkeit der Melodien und bringt euch mit neuen Hymnen zurück in die Stadien.

Justin Lockey: Die hymnenhaften Songs waren plötzlich wieder da, wir haben das Album zunächst ja in Eigenregie daheim aufgenommen.

Tom Smith: Unser Entwurf hätte aber Stillstand bedeutet, und deswegen haben wir Benjamin John Power um seine Hilfe gebeten, der als Blank Mass und mit Fuck Buttons für brachiale Elektrosounds steht. Benjamin hat alle Songs bearbeitet, so dass am Ende zwei Versionen der Platte vorlagen: unser eh schon sehr elektronischer Entwurf und seine brutale Variation. Mit der Unterstützung von Leo Abrahams als unserem zweiten Produzenten ist es uns am Ende gelungen, die beiden Entwürfe zu verzahnen.

Carsten Schrader: Textlich dürfte es nicht leicht gewesen sein, da die angestammten Editors-Themen plötzlich allgegenwärtig geworden sind. Selbst im Bubblegum-Pop beschäftigt man sich neuerdings mit der Apokalypse, und wenn Popsternchen jedes Interview nutzen, um gegen Trump oder den Brexit zu wettern, weiß man nicht, ob dahinter wirkliche Auseinandersetzung steckt oder ob sie einfach nur mit leeren Parolen die allgemeine Stimmungslage aufgreifen, um Platten zu verkaufen.

Tom Smith: Nichts hat mich in der Vergangenheit mehr genervt als diese ständig wiederkehrende Frage: Warum seid ihr nur so düster? Von daher macht es mir Hoffnung, dass diese Last fortan auf viele Schultern verteilt wird. (lacht) Im Ernst: Ich habe mich nie wohl damit gefühlt, bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen direkt anzugreifen. In jedem Song des neuen Albums steckt natürlich sehr viel Angst. Doch das bildet nur den Rahmen, denn im Zentrum der Stücke stehen zwischenmenschliche Bindungen, die dich durch diese schwere Zeit tragen können. So war es schon immer, und unsere Fans haben auch nie darüber geredet, dass wir so düster sind. Sie lieben uns für die Textzeilen, die Hoffnung in sich tragen.

Carsten Schrader: Wobei Songs wie „Darkness at the Door“ ja durchaus auch Widerhaken haben. Einerseits ist es ein Loblied auf die Freundschaft, andererseits bedeutet ein Definieren des engen Kreises ja auch immer die Ausgrenzung von anderen.

Tom Smith: Hier würde ich immer behaupten, dass es ausschließlich um die Energie und den Beistand geht, den dir deine engsten Vertrauten geben. Es ist ein Song, bei dem ich auch explizit an uns als Band gedacht habe. Trotzdem freut es mich, wenn der Text gleichzeitig auch ein gewisses Unbehagen transportiert. Aber das ist eben der Grund, warum ich ungern über die Texte spreche. So was funktioniert nur, wenn nichts erklärt wird.

Editors „Violence“ ist zum Beispiel hier erhältlich.

Von 18. März bis 20. April spielen die Editors Konzerte in Deutschland. Tickets gibt es unter anderem bei Eventim.

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