Contemporary Music

Poetry Slam Allstars: Kuscheln statt kämpfen?

Beim Poetry Slam geht es um den Wettstreit und das gegenseitige Ausstechen. Aber was machen fünf preisgekrönte Kampfhähne auf einer gemeinsamen Tour, bei der es nicht (mehr) ums Gewinnen geht?

Jürgen Wittner: David, Quichotte, Andy, Patrick, Jan Philipp: Eure gemeinsame Tour basiert genau nicht auf dem üblichen Poetry-Slam-Wettbewerb. Kuschelt ihr jetzt etwa auf der Bühne?

David Friedrich: Wir kuscheln nur Backstage. Die Show wird kein Poetry Slam sein. Kein Wettbewerb, nur sehr viel Spaß und eine geile Show. Ok, vielleicht ein bisschen Kuscheln.

Jan Philipp Zymny: Natürlich werden wir im Backstage kuscheln. Schau doch, was für nette, junge Herren die alle sind. Wie könnte ich mich da zurückhalten? Über den genauen Grad an Bühnenkuschel (gemessen in Flausch pro Sekunde) können wir zu diesem Zeitpunkt noch keine Auskunft geben. Da arbeitet ein Team aus SchmuseforscherInnen noch an den Zahlen.

Patrick Salmen: Ich kann mich da nur dem Herrn Zymny anschließen. Er ist ein weiser Mann und sollte nicht hinterfragt werden.

Quichotte: Es wird kein klassischer Poetry-Slam, sondern eine Show, bei der wir als Einzelkünstler unsere Texte und Musik auf die Bühne bringen, aber auch für einige gemeinsame Stücke fusionieren. Gekuschelt wird natürlich auch. Überwiegend sogar.

Andy Strauß: Kann natürlich auch immer mal sein, dass jemand völlig ausrastet und einem Kollegen eine Jurytafel mit einer ungnädigen Drei an den Kopf wirft. Es muss bei einer solchen Tour neben all dem Kuscheln auch Spielraum für Gewalt geben.

Jürgen Wittner: Apropos Jurytafel an den Kopf: Fandet ihr euch bei einem Slam schon mal absolut unfair benotet?

Andy Strauß: Dafür müsste man sich erstmal für die Noten interessieren …

David Friedrich: Unfaire Benotung oder Bewertung gehört ja zum Slam dazu.

Jan Philipp Zymny: Na ja. Poetry Slam ist ja ein Meinungs- und Gefälligkeitsspiel. Kann man da wirklich unfair benotet werden? Wenn man der Jury sagt, sie sollen die Punkte verteilen nach dem, wie es ihnen gefallen hat: Klar, dass da auch mal eine Person dabei ist, der das nicht gefällt, was man macht. Ist das dann unfair? Ich denke nicht. So ist halt das Spiel, auf das wir uns alle wissentlich eingelassen haben.

Quichotte: So ist es. Alle wissen um die Subjektivität der Bewertung, die keinerlei wie auch immer gearteten Kriterien unterliegt. Trotzdem habe ich mich schon über Bewertungen geärgert. Nicht nur über welche, die meinen eigenen Texten gegeben wurden. Aber das macht es ja auch interessant. Im Übrigen gibt es auch in den vermeintlich „professionellen“ Jurys irgendwelcher Comedy- und Kabarettpreise Entscheidungen, die absolut nicht nachvollziehbar sind und angeblich tatsächlich objektiven Kriterien unterliegen sollen. Da ist die Unfairness im Slam eindeutig fairer.

Jürgen Wittner: Wann und wo seid ihr am kreativsten? Im Zug? Im Bett? Nach dem dritten Bier?

Patrick Salmen: Tatsächlich morgens nach dem Aufstehen. Ich trinke zwei Tassen Kaffee und fahre dann zum Arbeiten in meine Bürogemeinschaft. Die ersten zwei Stunden des Tages versuche ich mich am Schreiben und anderen kreativen Arbeiten, der Rest des Vormittags geht dann für bürokratische Aufgaben drauf. Die eigentlichen Ideen entstehen allerdings meist auf Reisen, in Cafés, während langer Zug- oder Autofahrten oder bei Gesprächen mit Freunden.

David Friedrich: Ich schreibe das meiste im Zug, weil ich da die meiste Zeit verbringe. Allerdings gibt es weitaus inspirierendere Orte. Ich hatte die besten Ideen immer auf dem Klo.

Jan Philipp Zymny: Ich schreibe wann immer wo immer. Völlig egal. Wenn ich möchte oder muss, dann mach ich das.

Quichotte: Wenn es eine Idee gibt, wird geballert. Ort und Zeit spielen keine Rolle.

Andy Strauß: Beim Duschen und beim Schwimmen. Unter Wasser also. Da funktionieren nur leider keine Stifte.

Jürgen Wittner: Muss ein Text zunächst auf dem Papier funktionieren oder sofort auch als gesprochener Text? Ihr habt ja – zum Teil – auch heftige Rollenprosa im Programm.

Friedrich: Meine Texte funktionieren eigentlich nur live. Poetry-Slam ist Live-Literatur, viele Texte – vor allem die Kurzgeschichten – funktionieren auch gelesen. Ich habe für mein Buch die Texte erst mal umschreiben müssen.

Quichotte: Es hängt tatsächlich davon ab, wofür man schreibt. Die Bühnentexte sind, vor allem wenn es sich um Spoken-Word-Texte handelt, gelesen oft nicht so gut wie live auf der Bühne. Ohnehin ist die freie Performance ohne Blatt bei gereimten Sachen schon die bessere Wahl. Was aber nicht heißen soll, dass vorgelesene Kurzgeschichten nicht genauso gut sein können. Ist halt was anderes.

Andy Strauß: Am wichtigsten ist doch, dass er im Kopf des Verfassers funktioniert, er wird sich dann schon aussuchen, ob er ihn auf Papier oder auf eine Bühne oder beides legt.

Patrick Salmen: Meist schreibe ich direkt für das Buch, aber bei mir sind es ja auch oft humoristische Kurzgeschichten. Natürlich hat das live durch Stimme, Betonung etc. einen enormen Mehrwert, aber performativ passiert da auf der Bühne nicht viel. Ich bin da eher so der Baum. Aber vielleicht ist Performanceverweigerung ja auch schon wieder eine Performance.

Jan Philipp Zymny: Heftigste Rollenprosa! Manchmal ist es ein bisschen frustrierend, wie das dann überhaupt nicht in Buchform funktioniert. Das ist der Punkt, wo so ein Buch entweder zum Souvenir wird oder man anfängt,
anders dafür zu schreiben, wie es David gesagt hat. Mittlerweile mache ich mein Schreiben davon abhängig, wofür ich schreibe – ob für die Bühne oder ein Buch.

Checkbrief

Poetry-Slam Allstars Patrick Salmen (geb. 1985 in Wuppertal), Jan Philipp Zymny (1993 in Wuppertal), Andy Strauß (1981 in Leer), Quichotte (1983 in Köln), David Friedrich (1991 in München)
Besonderheit 1 Die Allstars haben zusammen insgesamt vier Deutsche Meisterschaften im Poetry-Slam eingefahren, außerdem zwei zweite Plätze und standen fünf weitere Male in der Finalrunde.
Besonderheit 2 + 3 Jan Philipp Zymny erreichte 2015 nach Punktegleichstand per Münzwurf gegen Lisa Eckart das Finale. Schon 2013 wurde er als damals 20-Jähriger der bis heute jüngste Deutsche Meister im Slammen.

Deutsche Meister Poetry-Slam

2010 Patrick Salmen
2011 Patrick Salmen (2. Platz)
2012 Jan Philipp Zymny (2. Platz)
2013 Jan Philipp Zymny
2015 Jan Philipp Zymny
2017 David Friedrich (mit Heun & Söhne im Teamwettbewerb)

Die Poetry Slam Allstars sind vom 1. bis 5. Februar auf Tour, Tickets gibt es z. B. über Eventim.

 

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