Pränatale Spionage

In seinem neuen Roman präsentiert Ian McEwan eine noch nie dagewesene Erzählperspektive.


„Die Ungeborenen sind pokergesichtige Stoiker, Unterwasserbuddhas, ausdruckslos. Anders als die heulenden Säuglinge, mit uns verwandt, uns aber unterlegen, finden wir uns damit ab, dass Tränen zum Lauf der Dinge gehören.“

Ein naseweiser Fötus erzählt uns die Geschichte eines Komplotts gegen den eigenen Vater sowie gegen sich selbst. Im Vergleich zu ihm ist Günter Grass’ Dreikäsehoch Oskar Matzerath, der immerhin schon als Frischgeborener leidlich reflektiert denken konnte, ein einfältiger Spätentwickler. Ian McEwans Fötus hängt kopfüber im Bauch seiner Mutter Trudy, trinkt für sein Leben gern mit ihr einen Pouilly Fumé und macht sich Gedanken über die Themenwahl von Künstlern und die Forschungsansätze von Wissenschaftlern. Doch damit nicht genug: Er beobachtet und analysiert das Sprechen und Handeln seiner Mutter wie ein Spion, betreibt, um in der Sprache der heutigen Politik zu reden, eine anlasslose Datenspeicherung, bis … ja: bis der Anlass für jegliches Misstrauen gefunden ist. Die Mutter plant gemeinsam mit ihrem Liebhaber Claude, der gleichzeitig der Onkel des Ungeborenen ist, den Mord am Vater John, und das Kind will man schon in jungen Jahren ins Heim stecken. Der Fötus war bis dahin eh schon nah dran am Leben da draußen, hatte sich über die permanente Podcast-Hörerei der Mutter in alle Richtungen fortgebildet. Jetzt versucht er sich immer stärker als Profiler in eigener Sache, will jedes Detail des Mordplans mitkriegen und ist – obwohl dem Wein schon jetzt stark zugeneigt – stinksauer, als er ausgerechnet in der Nacht besoffen wegdämmert, in der die entscheidenden Details des Plans ausheckt werden …

Ian McEwan hat in seinem neuen Roman eine nie dagewesene Erzählperspektive gewählt: Der Ich-Erzähler ist unerkannter Zeuge aller wichtigen Gespräche. Und er sieht nichts, muss sich also aufgrund von Gesprächen und Geräuschen alles vorstellen, was draußen vor sich geht. Das macht ihn extrem hilflos, als Erzähler für den Leser aber umso interessanter. Ständig überlegt er ohne Ergebnis, wie er seine Zukunft in der Obhut seiner geliebt-gehassten Mutter verteidigen könnte. Dafür kann er aber den französischen Philosophen Roland Barthes zitieren, spricht von der Langeweile und dem Glück in der Kindheit eines Menschen und pocht dem Leser gegenüber auf das Recht, genau dieses Glück in der zukünftigen Kindheit erleben zu dürfen. McEwan gelingt es, mit seinem auf dem Kopf stehenden Erzähler die Handlung nicht nur spannend, sondern immer wieder auch komisch zu gestalten. Und schickt seine Leser in ein Dilemma: Wem die Daumen drücken? Dem Liebespaar mit seinem wahnwitzigen Plan, ein Smothie mit Glykol zu versetzen und einen Selbstmord vorzutäuschen? Oder doch dem naseweisen Ungeborenen?

Ian McEwans kürzere Romane wie etwas „Am Strand“ oder „Kindeswohl“ haben manchmal etwas Bemühtes, so als ob man aufgrund von zu wenig Erzählfleisch das Gerüst der Erzählung sehen kann. „Nussschale“ glänzt dagegen mit erzählerischem Babyspeck.


buch_mcewan

Ian McEwan Nussschale

Diogenes, 2016

288 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Bernhard Robben

 

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