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Shahak Shapira, wie unterwandert man Facebook-Gruppen der AfD?

Shahak Shapira ist Deutscher, Israeli, Künstler und Satiriker – und hat ein modernes Mittel gefunden, die AfD bloßzustellen.

uMagazine: Shahak, Wikipedia nennt als deine Berufe Künstler, Schriftsteller, Musiker, Satiriker. Ist das die Reihenfolge, die auch du wählen würdest?

Shahak Shapira: Man sagt, Künstler trifft es am besten, weil es das Meiste beschreibt, der Begriff beschreibt all die Dinge, die darauf folgen. Bei mir ändert sich das alles immer wieder. Man kennt mich vor allem für die Kunstprojekte, die ich mache, man wird mich (hoffentlich) zunehmend aber für Stand-up-Comedy kennen, denn es ist das, was ich jetzt gerade mache. Bücher sind in nächster Zeit nicht geplant, und Musik mache ich immer ab und zu.

uMagazine: Als deine Mutter mit dir und deinem jüngeren Bruder von Israel nach Deutschland übersiedelte, warst du 14. Gibt es ein eindrückliches Erlebnis, das dir aus den ersten Wochen in Deutschland in Erinnerung geblieben ist?

Shahak Shapira: Ich glaube, das war schon am ersten Tag in dem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt, in dem wir wohnten. Als wir vor der Bahnschranke anhielten, sah ich durchs Autofenster einen Typen auf einem kleinen BMX-Rad mit Glatze und Sonnenbrille, der hatte auf seiner Wade ein riesiges Hakenkreuz tätowiert.

uMagazine: Herzlich willkommen! Gab es trotz solcher Schockelemente Ähnlichkeiten zwischen alter und neuer Heimat?

Shahak Shapira: Eigentlich haben Ostdeutschland und Israel viele Gemeinsamkeiten. Wobei: Die israelische Mauer steht ja noch. Und in Israel wachsen Bananen.

uMagazine: Die Hakenkreuz-Wade kannte ich noch nicht, aber in deiner neuen Heimat waren Hitlerbart-Nazis Jugendfußballtrainer. Was sagst du Leuten, die keine Lust mehr haben, in Regionen Urlaub zu machen, in denen die AfD dominiert?

Shahak Shapira: Es ist doch unmenschlich, Menschen zu zwingen, Urlaub in Sachsen zu machen. Ich weiß sowieso nicht, wie jemand auf diese Idee kommen könnten.

uMagazine: Eine deiner jüngsten Aktionen war die Eroberung der geschlossenen Facebook-Gruppen der AfD. Wie habt ihr das gemacht?

Shahak Shapira: Die meiste Arbeit haben meine stillen Partner gemacht, aber grundsätzlich gilt: durch Hartnäckigkeit. Wichtig war uns, dass wir keine Hetze verbreitet haben, um das zu erreichen. Wir waren einfach sehr nett und freundlich, mehr nicht. Wir haben die Accounts nicht gehackt, wir haben nichts Illegales getan.

uMagazine: Das ist erstaunlich.

Shahak Shapira: Die meisten Menschen haben falsche Vorstellungen vom Hacken von Rechnern oder Accounts. Meinst läuft es darüber ab, dass du Leute kennst oder kennenlernst. Oder durch Arbeit. Durch Hingabe.

uMagazine: Siehst du Chancen, mit Menschen wie Beatrix von Storch von der AfD ins Gespräch zu kommen?

Shahak Shapira: Ich weiß nicht, wie viele Menschen so sind wie Beatrix von Storch. Das ist ein schwieriges Beispiel. Sie ist schon fast eine Verschwörungstheoretikerin. Sie hat schon mal gesagt, dass Angela Merkel Deutschland ruinieren will und sich in Südamerika niedersetzen möchte. Wir teilen uns die Welt inzwischen mit Leuten, die ganz andere Wahrheiten in ihrem Leben haben, die haben ganz andere Fakten. Fakten sind mittlerweile quasi austauschbar geworden.

uMagazine: Fehlt damit auch die gemeinsame Sprache, ist kein Diskurs mehr möglich?

uMagazine: Die Frage ist, was es bringt. Es gibt sehr viele Diskussionen darüber, warum es plötzlich einen Diskurs geben muss mit Menschen, die nicht diskutable Meinungen vertreten. In den letzten 80 Jahren hat es doch ganz gut funktioniert, das Ganze nicht zu legitimieren, indem man so tut, als gäbe es eine Diskussionsgrundlage.

Interview: Jürgen Wittner

Checkbrief

Name Shahak Shapira
Nationalität Israeli oder Deutsch
Geboren 1988 in Israel in Petach Tikwa (Tor der Hoffnung)
Umgezogen mit 12 nach Laucha an der Unstruth in Sachsen-Anhalt
Der Großvater mütterlicherseits war der einzige Überlebende seiner Familie im Holocaust
Der Großvater väterlicherseits Amitzur Schapira starb als Trainer der israelischen Leichtathleten bei den Olympischen Spielen 1972 als Geisel palästinensischer Terroristen
Studium an der Miami Ad School Berlin
Berufe Creative Director, Buchautor, Satiriker, DJ
Bücher „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen“ (2016), „Holyge Bimbel“ (2017, Bibel-Parodie in Internetsprache)
Wichtige Aktion I Veröffentlichung von Hass-Tweets auf dem Boden vor dem Eingang der Twitter-Deutschlandzentrale in Hamburg im August 2017; Shapira twittert natürlich auch selbst
Wichtige Aktion II Feindliche Übernahme von 31 nichtöffentlichen Facebook-Gruppen der rechtsextremen Partei AfD und Übergabe der Postings an die Öffentlichkeit gemeinsam mit der Satirepartei Die Partei im September 2017
Neues Bühnenprogramm „German Humor“

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