Contemporary Music

Stimming x Lambert: Die 80-Prozentigen

Bloß nicht perfekt, bitte! Wie ihre Zusammenarbeit klingen würde, das wussten Pianokünstler Lambert und Technomusiker Stimming anfangs selbst nicht – aber dass man aufhören muss, bevor man fertig ist, darin waren sich beide sofort einig.

Lambert, der Klaviervirtuose mit der sardischen Stiermaske, der seine Musik nicht Neoklassik genannt haben will. Und Martin Stimming, Technokünstler, der schon immer über den Rahmen des Funktionalen hinausgedacht hat. Wer glaubt zu wissen, wie es sich anhören könnte, wenn diese beiden vermeintlich grundverschiedenen Musiker gemeinsame Sache machen, wird überrascht sein: „Exodus“ ist vieles, aber nicht Klaviermusik mit Clubsounds unterlegt. „Wir haben uns keine Schranken auferlegt“, erklärt Lambert. „Auch ohne vorher darüber zu reden, waren wir uns darüber einig, dass so ein Piano-meets-Techno-Ding auf uns nicht anwendbar ist. Wir wollten eine musikalische Sprache entwickeln, die mehr ist als die Summe unserer einzelnen Teile und in der sich jeder von seinem gewohnten Gebiet entfernen darf.“

 

„Perfektionismus ist eine schöne Art der Geisteskrankheit – aber eben doch eine Geisteskrankheit“

 

Die Initiative zu dem Projekt hat Lambert ergriffen, nachdem er eine Dokumentation über Stimming im Internet gesehen hatte, in der ein Satz fiel, der seither fälschlicherweise oft Lambert in den Mund gelegt wird: „Perfektion ist was für Schwachsinnige.“ Der Pianist hat den Clubmusiker kurzerhand in sein Studio eingeladen, wo sie die Weichen für ihre Zusammenarbeit stellten. „Perfektion zu erreichen, das ist einfach ein Ding der Unmöglichkeit“, erläutert Stimming sein Credo. „Es gab mal nen Philosophen, der gesagt hat, bei 80 Prozent sollte man aufhören“, ergänzt Lambert. „Die 20 Prozent, die zur Perfektion fehlen, kann man sowieso nicht vollmachen – diese Ambition führt letztlich nur dazu, dass Dinge nicht fertig werden oder viel zu lange dauern.“ Also ist eigentlich der Perfektionismus das Problem, die Perfektion aber ein an sich erstrebenswerter Zustand? „Perfektionismus ist eine schöne Art der Geisteskrankheit – aber eben doch eine Geisteskrankheit“, lacht Lambert, während Stimming die entscheidende Frage stellt: „Was will man schon mit perfekter Musik?“

 

Wie klingen „Edelweiss“, „morsches Holz“ oder „Trauerweide“?

 

Der Perfektion arbeiten die beiden auf ihre ganz eigene Weise entgegen: Die acht Tracks auf „Exodus“ sind mehr atmosphärische Skizzen als in sich abgeschlossene Stücke, sie tragen Namen wie „Morsches Holz“, „Edelweiss“ oder „Trauerweide“ und sind allesamt auffallend kurz – introspektive Synthie-Figuren, flüchtige Pianotupfer, dezente Rhythmusminiaturen, alles fließt organisch und warm ineinander und bleibt trotzdem im besten Sinne unfertig. „Die Platte sollte wie ein Tagtraum wirken, der kurz da ist und dann wieder verschwindet“, bestätigt Lambert. „Und hoffentlich wünscht man sich dann, ihn noch mal von Anfang zu erleben.“

 

Lambert und Stimming haben Großteile des Albums getrennt voneinander erarbeitet, letzterer zum Teil während einer viertägigen Tourpause in einem Hotelzimmer in Osaka. Sie haben sich gegenseitig Entwürfe zugeschickt, sie erweitert, umgeändert und variiert, bis sie sich auf die gemeinsamen 80 Prozent einigen konnten. „Bei der jetzigen Platte war ich derjenige, der entschieden hat, wann Schluss ist, und dann habe ich mir nur mein Okay eingeholt“, erzählt Lambert. Wenn man dabei zuhört, wie sich die beiden Künstler die Bälle zuspielen und gegenseitig Komplimente machen, glaubt man ohne Weiteres, dass es so unkompliziert war. Stimming etwa sagt, dass Lambert die Klaviermusik mache, von der er sich wünscht, dass er sie selbst machen könnte; Lambert hingegen findet, dass in Stimmings Musik weit mehr Perfektion stecke als in seiner eigenen – und das ist diesmal wohl ausdrücklich anerkennend gemeint.

 

Die Möglichkeiten sind – bewusst – noch nicht ausgeschöpft

 

Die Möglichkeiten von Stimming x Lambert sind in acht Tracks längst nicht ausgeschöpft. Die Zuschauerinnen und Zuschauer der kommenden Konzerte, die Lambert und Stimming vornehmlich mit Piano und einer Loopstation bestreiten werden, könnten ganz unmittelbar miterleben, wie die Künstler die Arbeit fortspinnen. „Nach den Shows werden wir sicher eine unausgesprochene Idee davon haben, wie sich das Ganze weiterentwickeln könnte“, sagt Stimming. „Wir haben da eher so einen Jazzansatz“, fügt Lambert hinzu. „Der Pfad ist zwar vorgegeben, aber wir lassen uns viele Möglichkeiten, ihn zu verlassen.“

 

Stimming x Lambert „Exodus“ ist gerade erschienen.

 

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