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Three Billboards, vier Golden Globes, einmal ganz großes Kino

Trauer, Wut, Gewalt, Komik und Hoffnung: unvereinbar in einem Film? Nicht für Regisseur Martin McDonagh („Brügge sehen … und sterben“). Sein neuester Erfolg heißt „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ und startet heute.

Es sind wenige Sekunden, in denen die ganze Qualität des Films „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ komprimiert ist wie ein Universum in einer Erdnuss: Mildred Hayes (Frances McDormand) sitzt William Willoughby (Woody Harrelson) gegenüber, dem Polizeichef der Kleinstadt Ebbing. Vorhin hatte sie dem Zahnarzt mit dessen Bohrer ein Loch im Finger verpasst, weil der Doc sich über die drei Plakatwände beschwert hatte, auf denen Hayes die Untätigkeit der Polizei nach dem Mord an ihrer Tochter beklagt. Hayes ist aggressiv, kalt, schnippisch, wortgewaltig, Willoughby ist milde, vermittelnd, spöttisch, schlagfertig.

Sie kotzt ihm ihre Wut und Verzweiflung auf den Tisch, er lässt sich nicht provozieren, so geht das hin und her, Gefrotzel hier, Sticheleien da, die Fronten sind verhärtet. Bis Willoughby aus dem Nichts Blut in das Gesicht von Hayes hustet. Sie erstarrt. Er erstarrt. Und plötzlich verwandelt sich der verhärmte Ausdruck auf Hayes’ Gesicht zu einer Miene der Güte und des Mitleids. Willoughby hat tödlichen Krebs. „Tut mir leid, ich wollte nicht … “ stammelt der Bulle. „Ich weiß, Baby“, sagt die Kodderschnauze nur unendlich sanft und nimmt den großen Mann in den Arm. Man selber, als Zuschauer, ist genauso schockiert wie die Figuren. Man hat ja praktisch daneben gesessen, hinter der vierten Wand zwar, aber als unmittelbarer Beobachter. Und man fragt sich: Wenn der Film in der Lage ist, innerhalb von Sekunden so fulminant und glaubhaft diese gegensätzliche Emotionen auszulösen – wozu ist er dann noch in der Lage?

Kurz gesagt: zu allem, was diese Szene verspricht. „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ schlägt erzählerische Haken und Volten, die man jedem Filmstudenten mit dem Rotstift aus seinem Drehbuchentwurf streichen würde. Nie machen die Figuren das, was man erwartet. Die tragische Kleinstadtballade wird zur schwarzen Komödie wird zur Rachestory wird zur biblischen Geschichte von Vergebung und Hoffnung. Hayes attackiert die Polizei, wo sie kann, auch mit Brandsätzen, und legt sich mit dem dumpfen Hilfssheriff Dixon (Sam Rockwell) an. Als Willoughby nicht mehr vermitteln kann, eskaliert die Gewalt – worin man durchaus Parallelen sehen kann zum Übergang von der Präsidentschaft Obamas, des Mediators, zur Ära von Trump, dem Eskalierer. Doch Willoughby greift noch einmal als Deus ex Machina ein …

McDonagh, der 2008 mit der Gangsterkomödie „Brügge sehen … und sterben“ schon seine Fähigkeiten andeutete, Brutalität, Humor und Humanismus in Einklang bringen zu können, liefert hier sein Meisterstück. Getragen von den herausragenden Darstellern reicht „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ über seinen rein filmischen Status als Groteske im Stil der Coen-Brüder oder Tarantino weit hinaus. Der Film wird zu einer Parabel über unsere von Aggression und Konfrontation geprägten Zeiten, erst recht im Trump-Amerika. Aber Hass und Gewalt sind überwindbar, Vergebung und Hoffnung sind möglich – wenn man in sich geht und seinem Feind in die Augen schaut, bevor man den ersten bis zwanzigsten Stein wirft. Oder wie es Mildreds (natürlich) gewalttätiger Ex-Mann sagt: „All diese Wut erzeugt nur größere Wut.“ Seelische Verwüstungen und das Dasein als innere Einöde, schwere Prügel und Brandwunden: Der Weg zu Läuterung und Erlösung ist in diesem Film extrem beschwerlich. Doch nur, wenn man ihn gegangen ist, hat man eine Chance auf ein besseres, friedlicheres Leben, und der Krieg gegen sich und andere kann enden.

„Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ handelt davon, wie aus Trauer Gewalt wird, es ist ein Film über die menschliche Natur – wenn man ihre Ambivalenz denn aushält.

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