Contemporary Music

Alles neu bei Tocotronic, denn: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“

Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow erzählt auf dem neuen Album „Die Unendlichkeit“ plötzlich ganz viel von sich selbst – um endlich weniger narzisstisch zu sein.

Carsten Schrader: Dirk, vor gut 15 Jahren hieß es auf dem weißen Album: „Eins zu eins ist jetzt vorbei.“ Wie kommt es, dass Tocotronic jetzt mit „Die Unendlichkeit“ ein autobiografisches Album veröffentlichen, obwohl ihr das fade Identifikationsangebot des allzu Privaten so lange Zeit verabscheut habt?

Dirk von Lowtzow: Eine Doppelbödigkeit ist hoffentlich immer noch da. Ich finde es nach wie vor höchst fragwürdig, wenn man Menschen manipuliert, indem man vermeintlich etwas von sich preisgibt. In den für mich gelungenen Autobiografien gibt es immer ein Changieren zwischen Authentizität und Inszenierung. Dinge werden fiktionalisiert, und oft ist ja gerade das Erdachte besonders wahrhaftig. Aber es stimmt schon, mir ist irgendwann bewusst geworden, dass ich es plötzlich interessant finde, über mein eigenes Leben nachzudenken und wieder persönlicher zu werden.

Carsten Schrader: Weil es bei Tocotronic üblich ist, immer genau das Gegenteil des Vorangegangenen zu machen und den eigenen Dogmen zu widersprechen?

Dirk von Lowtzow: Man muss immer ein bisschen gegen das eigene Händchen arbeiten. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Unsere ersten Alben waren ja fast tagebuchartig – bis es uns nicht mehr interessiert hat, so distanzlos zu rocken. Wir wollten Musik mit einem höheren Abstraktionsgrad, und als Inspirationsquelle hat uns eine eher theoretisch grundierte Literatur interessiert. Aber auch da kommt irgendwann der Punkt, an dem das auserzählt ist. Vielleicht sprechen diese Theorien nicht mehr so zu uns, vielleicht brauchen wir diese Hilfskonstruktionen auch nicht mehr. Es war ja nie unpersönlich, denn über den Umweg der Abstraktion haben wir etwas von uns preisgegeben. Jetzt kommen wir wieder zu einer Sprache, die ganz ungepanzert und weniger konstruiert ist.

Carsten Schrader: Ihr hattet die Tür ja schon auf dem Vorgänger mit dem Hiddentrack namens „Date mit Dirk“ ein bisschen aufgestoßen.

Dirk von Lowtzow: Genau, der Song trägt die Begegnung mit sich selbst schon im Titel – und wenn dieser Spalt schon da war, wollten wir auch mal gucken, wie weit man da gehen kann. Wie weit kann man mit Erlebnissen und Erinnerungen arbeiten und mit ganz einfachen Worten etwas sagen? Es gefällt mir, dass das neue Album ein bisschen bescheidener ist. Obwohl es sehr stark von mir selber handelt, ist es weniger narzisstisch.

Carsten Schrader: Ganz allgemein gibt es derzeit in der Kunst einen Trend zum Autobiografischen, was ja vielleicht damit zu tun haben könnte, dass man über diese Ebene auch einen politischen Diskurs anstoßen kann, der ja immer schwerer zu entfachen ist. Auf „Die Unendlichkeit“ schlagen etwa Jugenderinnerungen an Endzeitfilme aus den 80ern wie „The Day after“ eine Brücke zu gegenwärtigen Gefühlslagen und Ängsten.

Dirk von Lowtzow: Ich glaube auch, dass es derzeit eine Konjunktur von autobiografisch grundierter Literatur gibt. Wenn jemand wie Didier Eribon als Soziologe über seine Jugend und die homophoben Anrufungen schreibt, dann weist das über die reinen Vorgänge hinaus, und ein Stück wie „Hey du“ setzt sich natürlich in Beziehung dazu. Selbst wenn man es gar nicht will, zeichnet man immer auch ein Porträt der Gesellschaft, und bei vielen löst es eine Bewusstwerdung aus, wenn sie sich zu den dargebotenen Erinnerungen in Beziehung setzen. Das ist politisch im besten Sinne und sehr unelitär: Man kann sich sehr schnell verständigen und in einen Dialog miteinander treten.

LIVE ab 6. 3.

Tocotronic • Weitere Beiträge

Tocotronic

Lass uns nicht von Sex reden, ich weiß gar nicht, wie das gehen soll.

Tocotronic

"Das war ziemlich perverse Propaganda“

Tocotronic

Ekstase teilen mit Tocotronic

Tocotronic

Die nie endende Pubertät von Tocotronic

tocotronic Kapitulation

Tocotronic gegen die "Männerfreundschaftskacke"

Tocotronic

Tocotronic ohne Rick McPhail?

Tocotronic "Die Unendlichkeit"

Tocotronics Blick zurück nach vorn

Leseempfehlungen

Lafawndah: Ancestor Boy

Nilüfer Yanya: Miss Universe