Contemporary Music

Ulli Lust ist mit Polyamorie-Comic preisverdächtig

In Frankreich behandelt man Comics als Kunst und feiert sie auf dem Festival von Angoulême. Ulli Lust könnte mit ihrer Graphic Novel über Polyamorie bald Preisträgerin sein.

uMagazine: Ulli Lust, in ihrem autobiografischen Comic „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ schildern Sie, wie Sie Ende der Achtziger eine Dreiecksbeziehung mit dem österreichischen Künstler Georg und dem nigerianischen Mechaniker Kimata führten. Aber wo sind Sie da eigentlich ein „guter Mensch“?

Ulli Lust: Im Titel steht schon, dass es nicht gelingt. Ich verspreche nicht, dass ich es schaffe, sondern nur, dass ich es versuche. Im Vergleich zum vorigen Buch „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ will ich zumindest halbwegs seriös rüberkommen.

uMagazine: Polyamorie ist nicht besonders seriös.

Ulli Lust: Ich verstehe Seriösität nicht im Sinne einer spießigen Kleinbürgermoral. Sondern in dem Sinne, dass man korrekt handeln und niemandem schaden möchte. Mein Freund wollte keinen Sex mehr, und er war damit einverstanden, dass ich mir einen Liebhaber nehme – und wir konnten mehrere Jahre sehr gut damit auskommen. Das zentrale Thema ist, dass es sehr lange gut geklappt hat. Dass eigentlich erstaunliche Dinge möglich sind, wenn man versucht, offen und ehrlich zueinander zu sein.

uMagazine: Ich hatte während des gesamten Buches den Eindruck, dass zumindest Kimata unglücklich mit der Situation war.

Ulli Lust: Ich habe ihn aber nicht zu irgendetwas gezwungen.

„Das ist ein literarisches Problem: dass man das gute Leben, das glückliche Leben nicht innig würdigen kann.“

uMagazine: Es funktionierte für ihn trotzdem nicht.

Ulli Lust: Es funktionierte zwei Jahre lang. Sehr lange. Ich habe nur die tollen Momente nicht so ausgiebig porträtiert wie die Konflikte. Das ist ein literarisches Problem: dass man das gute Leben, das glückliche Leben nicht innig würdigen kann. Und im Endeffekt kommt es immer so rüber, als wäre das Problem das Wichtige. Vielleicht weil dramatische Momente auch intensiver mitempfunden werden als heitere Szenen.

uMagazine: Für mich hat die Idee einer polyamourösen Beziehung immer auch etwas von einer erotischen Utopie, ein Aufbrechen der Ausschließlichkeit in der Liebe. „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ habe ich aber als Scheitern gelesen und damit auch als Scheitern dieser Utopie.

Ulli Lust: Ja, das ist tragisch. (lacht) Ich wusste von Anfang an, dass es mir nicht gelingen wird, die Utopie als positives Beispiel zu erzählen, weil es aus persönlichen Gründen gescheitert ist. Trotzdem kenne ich Beziehungen, in denen das sehr gut funktioniert. Es kommt halt immer auf die Leute an.

uMagazine: Wie sorgt man dann dafür, dass man das Buch nicht womöglich als konservatives Manifest für eine ausschließliche Zweierbeziehung liest?

Ulli Lust: Ich muss nicht unbedingt Schulbücher verfassen, die eine Lebensanleitung liefern, sondern ich möchte die Komplexität von menschlichem Verhalten und Beziehungen aufzeigen. Wenn das so gelesen wird, weil die Leute einfache Antworten möchten, dann habe ich vielleicht eine Vorlage geliefert, aber … man kann niemanden daran hindern, zu simpel zu denken. Humanistisches Denken ist nun mal anstrengend.

uMagazine: Wenn ich die beiden Figuren Georg und Kimata vergleiche, dann ist Georg ein Vernunftmensch. Er ist auch eifersüchtig, zumindest am Anfang, aber er hat für sich eine Form gefunden, wie er diese Eifersucht erträgt.

Ulli Lust: Er ist Hippie, Alt-68er. Sexuelle Revolution und so.

uMagazine: Kimata hingegen ist impulsiv, affektgesteuert, und er kann mit der Eifersucht nicht umgehen.

Ulli Lust: Er hat es manchmal geschafft, aber letzten Endes wollte er einfach eine romantische Zweierbeziehung.

uMagazine: Würde man dem Buch Böses wollen, dann könnte man sagen: Diese beiden Figuren sind rassistische Stereotype.

Ulli Lust: Ja, verrückt, ne? Das wäre ein Grund gewesen, das Buch nicht zu zeichnen. Aber ist es nicht noch viel schlimmer, wenn ich aus solchen Gründen Dinge nicht abbilde, weil ich konfliktscheu bin? Wenn ich sage: Moment mal, ich darf aber nicht zeigen, dass es auch manchmal Probleme gibt? Und was ganz wichtig ist: Jeder steht für seine eigene Person und nicht für die gesamte Welt. Ich bin nicht stellvertretend für alle Österreicherinnen, und Kim ist nicht stellvertretend für alle Afrikaner. Es ist ein Konflikt der heutigen Zeit, dass man gerne aufgeklärt denken möchte, und dann gibt es immer wieder Erzählungen, die die Vorurteile der Fremdenfeinde bestätigen würden. Damit muss ich umgehen. Und ich muss trotzdem weiterhin humanistisch denken.

uMagazine: Inwiefern ist es eigentlich wichtig, zu wissen, dass die Handlung autobiografisch ist?

Ulli Lust: Eigentlich ist es mir nicht wichtig. Ich habe nur die Erfahrung gemacht: Wenn Leser wissen, dass eine Geschichte wirklich passiert ist, nehmen sie sie anders auf. Allerdings hätte ich mir so eine Geschichte niemals ausgedacht. Ich hätte mir einen wahnsinnig netten, guten und akademisch gebildeten Liebhaber gesucht, der besser zu mir gepasst hätte.

uMagazine: Ich lese Ihre Bücher immer auf einer literarischen Folie. Aber sie sind nicht in erster Linie Literatur, sie sind erst mal Comics.

Ulli Lust: Keine Ahnung. Ich bin eigentlich literatursozialisiert, habe erst spät angefangen, Comics zu machen, mit 28. Ich war immer eine Leseratte, habe immer diese dicken Bücher verschlungen, seit ich lesen kann.

uMagazine: Sie arbeiten realistisch, das geht häufig in eine ganz kleinteilige Detailtreue. Gibt es etwas, das hinter dem Realismus steckt?

Ulli Lust: Ich finde es gut, dass Sie diese Frage stellen, und ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie sie selber beantworten, indem Sie die Bilder auf sich wirken lassen … Also, ein gutes Bild ist immer mehr als die Summe der Details, die es zeigt.

 

Checkbrief
NAME Ulli Lust
BERUF Comickünstlerin
GEBOREN 1967 in Wien
LEBT in Berlin
LEHRT Visuelle Kommunikation an der Hochschule Hannover
ERFOLG „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ (2009) erhielt den Prix révélation beim weltweit wichtigsten Comicfestival in Angoulême
WEB www.ullilust.de

Ulli Lust:  „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ ist 2017 im Suhrkamp Verlag erschienen

Ulli Lust

Abb.: © Ulli Lust

Ulli Lust Graphic Novel

Abb.: © Ulli Lust

Leseempfehlung