Türkischer Regen: Istanbul im Winter

Clara Zink wollte in der Stadt am Bosporus eigentlich dem Winter entkommen. Istanbul steht der Schneeregen aber auch ganz gut.

Ich war schon einmal hier, und meine Erwartungen sind hoch: Das letzte Mal war Sommer, ich habe Straßenhunde zwischen den Ohren gekrault, mich auf den Prinzeninseln gesonnt und abends am Bosporus Raki geschlürft. Am Ende bin ich abgereist mit dem Fazit: Istanbul ist die schönste Stadt der Welt!
Jetzt ist es Winter, und zum ersten Mal bin ich allein in dieser Riesenstadt. Das macht mich nervös. Als der Schneeregen gerade seine Höchstform erreicht, steige ich beim Taksim-Platz aus dem Bus. Ich kann die Hand vor meinen Augen nicht erkennen, geschweige denn irgendein Straßenschild entziffern. Meine Schuhe sind durchgeweicht. Habe ich diese Stadt wirklich einmal als angenehm empfunden? Ich frage mich durch, bis ich die stiklal Caddesi finde: Mit der kilometerlangen Fußgängerzone verbinde ich schöne Erinnerungen. Aber wo sind die Straßenmusiker? Die Fußgänger, die im Sommer vor dem Buchladen saßen und lasen? Die Eisverkäufer, deren türkische Eiscreme „Dondurma“ sich wie Kaugummi auseinanderziehen lässt? Vermutlich sitzen sie alle irgendwo im Warmen. In meiner Verwirrung stoße ich mehrmals mit entgegenkommenden Regenschirmen zusammen, schließlich flüchte ich resigniert in ein Restaurant.

Ich hatte völlig vergessen, wie gut Mantõ, die kleinen Teigtaschen mit Joghurt, schmecken. In Deutschland kann man mich mit schwarzem Tee jagen, jetzt trinke ich einen ‚ay nach dem anderen. Die Frau, die im Schaufenster sitzt und Brot backt, lockt weitere Touristen an. Da ich mich so oder so kaum zurechtfinde, beschließe ich, einfach mal loszulaufen. Wetterbedingt streife ich von einer Buchhandlung zur nächsten, und obwohl ich kein Türkisch spreche, wird das nicht langweilig. Nachmittags suche ich mir ein Café; in diesen Straßen ist eines schöner als das andere. Ich bestelle mir einen Mokka, dessen klassische Zubereitungsweise hier mitunter für Diskussionen sorgt: Ist sie nun typisch türkisch oder typisch griechisch? Nach dem ersten Probieren schütte ich mir jedenfalls so viele Löffel Zucker in die kleine Tasse, dass meine Tischnachbarin lachen muss. Ich schaue mir die vorbeikommenden Leute an, bis ich bemerke, wie viel Zeit bereits verstrichen ist. Ich weiß, dass ich jetzt einen Bus nach Be ikta nehmen muss, doch ich habe keine Ahnung, wo der nächste Bus abfährt, und am Schneetreiben hat sich inzwischen nichts geändert. In meiner Verzweiflung bitte ich ein vorbeilaufendes Ehepaar um Rat. Obwohl sie kein Englisch sprechen, sind die beiden fest entschlossen, mir zu helfen – noch bevor ich mein Problem ganz ausformuliert habe, werde ich kurzerhand untergehakt und im Kampf gegen den Schnee zur Haltestelle bugsiert. Die Fähre, die mich anschließend von Be ikta in den asiatischen Teil der Stadt bringen soll, finde ich dann sogar selbst.

Als ich während der Fahrt meinen Blick nicht vom Bosporus und der nächtlichen Stadt losreißen kann, hoffe ich, dass ich noch eine Weile unterwegs sein werde. Ich denke mir: Wenn ich dem Winter schon nicht entkommen kann, so lässt er sich in Istanbul doch aushalten. Und freue mich jetzt doch auf die verschneiten Tage, die hier noch vor mir liegen.

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