Contemporary Music

Weniger ist yeah!

Niemand will ein Ja-Sager sein – aber das „Nein, danke“ fällt trotzdem schwer. Dabei taugt Verweigerung doch neuerdings sogar zum Lifestyle.

Verzichten. Das klingt irgendwie: mager. Nach zusammengekniffenen Lippen. Und definitiv nicht nach Lebensfreude. Verzichten ist: nicht sexy. Oder doch?

Vor nicht allzu langer Zeit gingen Bilder eines strahlenden Studenten um die Welt. 15 Monate hatte Josh Le seine Jeans nicht gewaschen – und dabei keineswegs wie ein schratiger Schmuddel ausgesehen. Was als Spaß begann, einem kleinen Wettstreit unter Freunden, wurde dank Joshs Professorin letztlich zu einem wissenschaftlichen Experiment: Humanökologin Rachel McQueen stellte am Ende der ungewöhnlich langen Tragezeit fest, dass die Hose gesundheitlich völlig unbedenklich war. Es gab zwar Bakterien auf dem Stoff, ob ein gutes Jahr oder, wie später getestet, knapp zwei Wochen zwischen den Wäschen verging, ergab jedoch keinen Unterschied. Mit seinem Waschverzicht hatte der Kanadier für Gesprächsstoff gesorgt. Er hatte aber auch der Umwelt einiges erspart: Die Waschmaschine ständig laufen zu lassen, sorgt nicht gerade für einen schlanken ökologischen Fußabdruck. Rumpelt das Ding alle zwei Tage und kommt dann noch ein Trockner hinzu, ergibt sich locker der Gegenwert eines Kurzstreckenflugs plus Taxi zum Flughafen pro Jahr, wenn man Autor Mike Berners-Lee glauben darf, der in seinem Buch „How bad are Bananas“ in Zahlen fasst, wie schädlich unsere alltäglichen Gewohnheiten eigentlich sind.

Und das war es letztlich auch, was Josh Le gemacht hat und was uns ungläubiges Kopfschütteln entlockte: Mit seiner Waschverweigerung hat er unser Kartenhaus aus Gewohnheiten zum Wackeln gebracht. Und mehr ist Verzicht eigentlich auch gar nicht – zumindest in den Konsumgesellschaften der westlichen Welt – als dass wir selbst an unserem Gewohnheitsgebäude rütteln. Trotzdem ist es nicht leicht. Denn wo sich nicht von selbst Türen auftun, muss man auch schon mal eine Wand einreißen. Oder mit hängenden Armen davor stehen bleiben …

Plötzlich schwebte über allem eine dunkle Wolke aus Askese, gar Entzug

 

Vor ein paar Monaten versuchte sich ein werter Kollege (dem an dieser Stelle durch Namensverschweigung ein bisschen Restwürde bewahrt wird) am Projekt „fleischlos glücklich“. Schon seine Herangehensweise und vielleicht sein Anfangsenthusiasmus ließen allerdings ahnen, dass das Endergebnis eher „fleischlos unglücklich“ lauten würde. Und so war der Abbruch für niemanden eine Überraschung. Überraschend war höchstens, dass die Kapitulation bereits nach drei Wochen erfolgte – und es in den drei Wochen auch noch die ein oder andere „Ausnahme“ in Sachen Fleischkonsum gegeben hatte. Trotzdem verschlechterte sich der Gemütszustand des Kollegen zusehends, jede Wurst schien ihn zu verhöhnen, sein Leben war eingeschränkt, die Fleischtheke plötzlich das Paradies. Vor seinem Selbstversuch konnte er gedankenlos daran vorbeigehen, Nudeln und Pesto in den Einkaufswagen werfen, Käse aufs Brot legen, Joghurt essen oder eine Möhre knabbern. Doch nach Tag X schwebte über allem eine dunkle Wolke aus Askese, gar Entzug. Der Wunsch, die Welt oder wenigstens ein paar flauschige Tiere zu retten, konnte diesen Erzfeinden unserer guten Konsumentenlaune nicht standhalten. Am Ende musste Aufschnitt her – und zwar viel. Mittlerweile ist der Kollege von seinem traumatisierenden Ausflug in die Welt der Vegetarier genesen und schaufelt sich auch die Pestonudeln wieder mit Freude rein.

Auf die Frage, wie die Vegetarier das bloß aushielten, erhielt er übrigens nie eine befriedigende Antwort. Höchstens diese: Es ist kein Verzicht. Vegetarier verzichten nicht auf den Speck im Kartoffelsalat – sie verzichten höchstens auf den Kartoffelsalat um den Speck herum. Natürlich werden hin und wieder fleischlos Glückliche mit mieser Laune am Buffet gesichtet. Bloß liegt es nicht daran, dass ihnen beim Anblick von Hähnchenschenkeln oder Frikadellen das Wasser im Mund zusammenläuft und sie sich die Leckereien schmerzhaft von selbigem absparen. Es ist eher die Enttäuschung, wegen mangelnder Alternativen mit ein paar trockenen Brotscheiben von dannen zu ziehen.

Was wir an Dingen anhäufen, kann uns das Leben ganz schön schwer machen.

 

Nee, trocken Brot will keiner. Wozu leben wir denn in einer Überflussgesellschaft? Freiwillig verzichten wollen aber neuerdings immer mehr Menschen – gerade weil wir im Überfluss leben. Überfluss und Untergang liegen nämlich nicht nur bildlich gesehen dicht beieinander. Und das Wissen darum sickert langsam aber sicher zu uns durch.

Spätestens nach dem zweiten Umzug wird uns klar: Was wir an Dingen anhäufen, kann uns das Leben ganz schön schwer machen. Und das gilt auch über den Tag der Schlepperei hinaus.

Doch wie jede gute Bewegung braucht das Kind erst mal einen Namen, bevor wir es freudig in die Arme schließen. Das vage „Weniger ist mehr“ taugt vielleicht als Kalenderspruch. Aber gleich als Lebensstil? Ein wenig fremdeln wir in Deutschland noch mit der Erkenntnis, vieles um- und vor allem entkrempeln zu müssen. Dabei stammt doch ausgerechnet die große Motivation der in den USA schon zur Bewegung angewachsenen Aufräumwütigen, oder auch „Declutterer“, von einem Deutschen. „Weniger, aber besser“ war das Motto des deutschen Industriedesigners Dieter Rams, dessen Entwürfe aus den 1950ern und 1960ern heute in vielen Museen stehen – und den Wohnungen von Design-Liebhabern, die das nötige Kleingeld zusammenkratzen für das superschlichte, wandhängende Regalsystem 606 oder den liebevoll „Schneewitchensarg“ genannten Plattenspieler SK 4 von Braun.

 

Langlebigkeit, Ehrlichkeit, Unaufdringlichkeit, Nutzwert, Umweltfreundlichkeit, Konsequenz

Dieter Rams

 

Langlebigkeit, Ehrlichkeit, Unaufdringlichkeit, Nutzwert, Umweltfreundlichkeit, Konsequenz: Was Dieter Rams in seinen Thesen für gutes Design forderte, könnte eins zu eins im Manifest der „Declutterer“ oder selbsternannten Minimalisten stehen, die sich in Amerika immer mehr ausbreiten und vernetzen. Wenn es denn so etwas in verbindlicher Form gäbe. Denn einheitlich ist die Bewegung nicht. Eher im Grassroot-Stadium. Aber dass da etwas im Gange ist, zeigt nicht zuletzt die Reaktion der amerikanischen Medien auf die neue Schicht der Konsumverweigerer oder zumindest Konsumskeptischen: Sie werden, wenn auch mal mit Erstaunen, mal mit Häme inszeniert, immer mehr in den Fokus gestellt. So stellte das Hochglanzmagazin „Sunset“, das den völlig unironisch gemeinten Untertitel „Living in the West“ trägt, im Januar das Haus und das Leben der kalifornischen Familie Johnson vor. Und traten sowohl für sich als auch für die Johnsons etwas los, mit dem so niemand gerechnet hätte: Die Leser überschlugen sich geradezu in ihren Reaktionen auf den Artikel – einige vor Begeisterung, andere vor Entsetzen. Wie man denn nur so leben könne, war eine häufig gestellte Frage. Und sie bezog sich nicht auf das spärlich möblierte, ganz in Weiß gehaltene 140-qm-Haus der Johnsons. Der Aufreger war, dass die vierköpfige Familie verzichtete – und zwar auf: Müll!

„Ich bin von der Kritik nicht wirklich überrascht“, sagt Bea Johnson. „Und deswegen habe ich auch lange drüber nachgedacht, bevor ich angefangen habe, mein Blog zu schreiben.“ Die 36-jährige Französin lebt schon über ein Jahrzehnt in den USA, ist mit einem Amerikaner verheiratet – aber nach jahrelangen Versuchen, sich der Konsumkultur ihrer neuen Heimat anzupassen, platzte ihr vor fünf Jahren der Kragen. Sie machte sich auf den Weg in ein nachhaltigeres Leben, ohne sich von leeren Nachhaltigskeitsversprechen einlullen zu lassen oder der Versuchung zu erliegen, mit der Ausrede vom Recycling das eigene Gewissen zu beruhigen. Ihr Ziel heißt, wie ihr Blog, zero waste. „Unsere Geschichte bringt Leute dazu, über ihre eigenen Einkaufsgewohnheiten nachzudenken – und manchmal erschüttert sie das in ihren Grundfesten“, sagt sie. „Aber“, sagt Bea, „eigentlich schreiben wir niemandem vor, wie er leben soll. Wir teilen bloß, wie wir unseres Leben.“

 

„Wir haben unser Leben mit Weniger von Anfang an toll gefunden“

Bea Johnson, „Zero Waste Home“

 

Doch es scheint gerade das zu sein, was den Menschen um sie herum so weh tut. Dass Bea die Dinge, die sie für nötig hält, einfach angeht. Und dass es anscheinend wirklich einfach ist. Für alle, die sich den Schritt vom Stoffbeutel für die Einkäufe bis zum eigenen Kompost, Minikleiderschrank und einem kategorischen Nein zu To-Go-Bechern oder anderem Bequemlichkeitsmüll nicht vorstellen können, gibt es eine beruhigende Nachricht. Vor fünf Jahren wäre Bea Johnson selbst nicht in den Sinn gekommen, dass ihr Leben mal so aussehen könnte. Sie hielt sich zwar für umweltbewusst, war aber bestimmt keine Hardlinerin. Und ein Erweckungserlebnis gab es auch nicht – sondern einen Umzug. „Wir lebten in einem großen Haus, aber weit ab vom Schuss. Ohne Auto ging nichts. Also trafen wir die Entscheidung, in eine städtischere Lage zu ziehen. Wir wollten überall zu Fuß oder mit dem Fahrrad hinkönnen“, fasst Bea die Grundmotivation für die häusliche Verkleinerung zusammen. Bevor sie aber ihr Traumhaus fanden, um die Hälfte kleiner als das vorherige, ging es aber erst mal nur mit dem Nötigsten in eine Mietwohnung. Während die Johnsons dort ein Jahr lang ihr neues Leben mit Kinos, Cafés und einer belebten Nachbarschaft genossen, wartete der Großteil ihrer Sachen in einem Lager auf seinen Einsatz im neuen Haus. Das Haus kam. Die Sachen aber mussten trotzdem draußen bleiben. ‑„Wir haben unser Leben mit Weniger von Anfang an toll gefunden“, erzählt Bea. „Wir hatten plötzlich mehr Zeit, uns um die Dinge zu kümmern, die uns wichtig waren. Wir verbrachten Zeit mit Freunden und der Familie und gingen viel raus. Als wir dann in das kleinere Haus umzogen, haben wir uns von 80% unserer Sachen getrennt.“ Den Schnitt hat Bea nie bedauert, im Gegenteil: „Mit mehr Zeit, die uns zur Verfügung stand, haben wir angefangen, uns über Umweltthemen zu informieren. Und entschieden, selbst etwas zu tun.“

Vorbilder hatte Bea dabei nicht wirklich. Einmal entschlossen, dem Müll den Kampf anzusagen, hat sie das aber nicht abgehalten. „Mit jemanden, dem ich hätte nacheifern können, hätte ich unser niedriges Müll-Level sicher viel früher erreicht“, sagt sie. „Andererseits konnte ich so auch einige extreme Sachen ausprobieren und gucken, was für uns funktioniert. Ohne schon vorher Kompromisse einzugehen. Mein Alleingang hat mir geholfen, Entscheidungen zu treffen, die langfristig funktionieren. Wir sehen zero waste nämlich wirklich nicht als Projekt, sondern als Lebensstil.“

 

Der neue Lebensstil soll mehr zurückgeben, als er nimmt

 

Dass Veränderungen manchmal eine Eingewöhnungszeit brauchen, findet Bea Johnson okay. Und dass nicht alles, was sie ausprobiert, für sie funktioniert, auch. „Sechs Monate habe ich meine Haare mit Backnatron und Essig gewaschen. Und ich habe mich irgendwann echt nicht mehr wie ich selbst gefühlt. Eher wie … ein Salatdressing“, sagt sie und kann drüber lachen. Auch, weil sie eine gute Alternative gefunden hat und nun Shampoo zum Nachfüllen kauft, für dass sie die eigene Flasche einfach jedes Mal mit in den Laden schleppt. „Unser neuer Lebensstil gibt uns mehr zurück, als er uns nimmt“, fasst Bea zusammen. Ein Zurück gibt es für die Familie trotz aller Einwände von außen sowieso nicht mehr, weil schon die Zeit- und unterm Strich auch Geldersparnis, die Ordnung und das entspannte Familienleben Grund genug wären, so weiterzumachen. Da ist das eigentliche Ziel der Müllvermeidung fast schon ein Nebeneffekt – wenn auch ein verdammt positiver.

Auf positive Nebeneffekte setzen auch die selbsternannten Minimalisten, die sich zunehmend vernetzen und immer mehr Zulauf finden. Da wird gern auch mal Gandhi bemüht, wenn es um die Frage geht, wie viele paar Schuhe man eigentlich besitzen sollte. ‑„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ Was will man solchen Weisheiten entgegensetzen? Gier ist schlecht, siehe Kinderarbeit und so. Veränderungen tut not, wenn wir unsere Erde noch ein Weilchen behalten wollen. Da kann man nur zustimmen – und sich trotzdem schnell wegdrehen, weil: So viel Weisheit, in sich Ruhen und Erkenntnis, wer hält das schon aus?! Angesichts universeller Erleuchtung fühlt man sich schließlich immer ein bisschen klein und doof und verkehrt. Und der Yogakurs, den wir geschmissen haben, hat nun auch wirklich keinen Spaß gemacht …

 

„Minimalismus als Selbstzweck? Das beschädigt irgendwie die Philosophie, die dahinter steckt.“

Dave Bruno

 

Dass alle, die sich irgendwo das Wort Minimalist in den Blogheader schreiben, in letzter Zeit trotzdem von Interessierten überrannt werden, hat zwar schon damit zu tun, dass sie ein Heilsversprechen abgeben – aber viel mehr noch damit , dass sie neben ihren hehren Zielen zumeist herrlich banal sind. Und manchmal auf eine erheiternde Weise auch ein bisschen verrückt. Anders lässt sich wohl nicht erklären, was Dave Bruno mit seiner „100 Thing Challenge“ losgetreten hat. Mittlerweile hat er sogar ein Buch drüber geschrieben, warum, vor allem aber wie er seine persönlichen Besitztümer auf 100 reduziert hat. Und er hat Nachahmer, die sich geradezu einen Grabenkrieg liefern, wer noch auch ein bisschen mehr verzichten kann als der andere.

Verzichten als Wettkampf? Konkurrenzdenken als Motivator für das bessere Leben, das letztlich alle irgendwo suchen? Das ergibt dann sogar für Dave Bruno keinen Sinn mehr. „Minimalismus als Selbstzweck? Das beschädigt irgendwie die Philosophie, die dahinter steckt“, sagt Bruno. „Wir Menschen suchen doch immer nach einem Grund für unsere Handlungen – und wollen vor allem, dass das, was wir tun, bedeutungsvoll ist. Da sind wir als Spezies einzigartig. Abstinenz zum Beispiel kann mehrere Gründe haben. Moral, Gesundheit … Aber doch nicht keinen! Was wir tun, tun wir doch mit Absicht.“ Das Bruno selbst mit seiner Aktion, die, wie er sagt, spontan und eigentlich ein privates Experiment war, als Witzbold oder gar Nestbeschmutzer des Minimalismus angesehen wird, findet er gar nicht schlimm. „Es war mein ganz persönlicher Weg, mich gegen den allgegenwärtigen Konsum zu wehren. Als ich angefangen habe, haben vielleicht 50 Leute mein Blog gelesen. Dass es irgendwann hunderttausende waren und die Sache Menschen auf der ganzen Welt fasziniert hat, ist mir irgendwie immer noch unbegreiflich“, sagt Bruno. „Aber das Interessanteste daran ist doch, dass das Konsumdenken so viele Menschen wirklich beschäftigt.“

Für Bruno hat sich das Experiment jedenfalls gelohnt. Auch wenn er nach einem Jahr dann doch die Gitarre ersetzt hat, die er weggeben hatte. „Außerdem hätte ich gern ein neues Paar Schuhe“, gesteht er. Das ist sympathisch, ehrlich – und gut so. Was nützt selbst das beste Ziel ohne das Wissen, dass ein freiwilliges Nein ab und zu keine Absage an unseren Geschmack, unsere Lebensfreude und schon gar nicht ans Glück ist. Denn nur wer das versteht, kann wirklich verzichten – manchmal sogar aufs Verzichten selbst.

 

 

Mehr über Dave Bruno und Bea Johnson:
davidmichaelbruno.com
zerowastehome.com

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