Werner Boote: Gegen Gift

Es vermüllt Wüsten und Meere, vergiftet Tiere und fließt durch unsere Adern: Plastik. Wir lieben es trotzdem – und das bringt den Filmregisseur und Plastikexperten Werner Boote („Plastic Planet“) auf die Palme.

Jürgen Wittner: Herr Boote, welches Plastikspielzeug aus Ihrer Kindheit steht Ihnen noch so richtig bunt vor Augen?

Werner Boote: Der Barbabapa von meiner Schwester. Das klingt jetzt schrecklich, aber diesen Geruch weiß ich noch immer. Ich weiß genau, wie er sich anfühlte, er war knallrosa, hat sich bewegen und kneifen lassen und hat so schön stark nach Pfefferminz gerochen. Im Zuge meiner Recherchen habe ich inzwischen gehört: Wenn etwas nach Pfefferminz riecht, dann muss man aufpassen, weil ein Weichmacher beigemischt wurde, der schwer krebserregend ist.

Jürgen Wittner: Heißt das, dass wir in unserer Industriegesellschaft erst mal alle positiven Gefühle hinterfragen müssen?

Werner Boote: Das muss man, auf jeden Fall.

Jürgen Wittner: Warum tun wir es nicht?

Werner Boote: Weil die Produkte billig sind, weil es schöne, alle nur erdenklich bunte Formen sind, und weil eine Industrie mit 900 Milliarden Euro Umsatz im Jahr sich alle Mühe gibt, dass wir ihre Produkte kaufen. Und das ist nicht nur die Kunststoffindustrie, es ist auch die Erdölindustrie, insgesamt ein ganzer Industriezweig, der uns Kunststoff immer wieder unterjubelt.

 

„Die Industrie hat es sehr gut geschafft, dass wir Plastik gar nicht mehr wahrnehmen. Wir kaufen Musik und keine Plastikscheiben, wir kaufen Wasser, aber keine Plastikflaschen.“

 

Jürgen Wittner: Und doch wäre unser Luxus ohne Erdöl überhaupt nicht möglich gewesen.

Werner Boote: Die Erdölindustrie hat mit dem traditionellen Kunststoff einen gigantischen Clou gelandet. Sie hat alle Alternativmaterialien aus dem Weg geräumt, einen gigantischen Siegeszug hintergelegt und in den letzten fünf Jahrzehnten enorm viel Geld damit verdient.

Jürgen Wittner: Und für die Zukunft wird noch viel mehr angekündigt. Der Futurologe Ray Hammond von der Firma PlasticEurope sagt in Ihrem Film, es gebe schon bald kluges Plastik, das sich selbst repariert und sich seinen Umgebungsverhältnissen anpasst. Das wäre dann die nächste Charmeoffensive der Industrie gegen kritische Geister.

Werner Boote: Die Industrie hat es sehr gut geschafft, dass wir Plastik gar nicht mehr wahrnehmen. Wir kaufen Musik und keine Plastikscheiben, wir kaufen Wasser, aber keine Plastikflaschen. Es ist längst so weit gekommen, dass wir den Kunststoff überhaupt nicht mehr erkennen, nicht mehr wahrnehmen. Damit aber fangen unsere Probleme überhaupt erst an. Deshalb müssen wir unseren Blick auf den Kunststoff wieder schärfen, im Büro, zu Hause, in der Küche: Haben wir jemals nachgedacht, welche Substanzen in den einzelnen Kunststoffgegenständen sind?

Jürgen Wittner: Wir als Konsumenten sollen uns selbst um die Substanzen kümmern?!

Werner Boote: Die EU räumt uns ja das Recht ein, dass wir in die Geschäfte gehen und nachfragen, was in den einzelnen Produkten drin ist. Und das Geschäft muss uns innerhalb von 46 Tagen Auskunft darüber geben. Das weiß nur kaum jemand.

Jürgen Wittner: Aber wie soll ich denn mein Leben ändern, ohne jetzt groß chemische, biologische oder medizinische Sachverhalte zu verstehen? Wie soll das vor allem gehen, ohne dass mein Lebensstandard leidet?

Werner Boote: Damit sprechen Sie den Hauptpunkt an. Es ist ja nicht so, dass wir zurückgehen sollen auf das Jahr 1870. Ein modern lebender Mensch wird auf sein Mobiltelefon, auf seinen Fernseher und seinen Computer nicht verzichten wollen. Die Frage ist: Warum müssen Kunststoffe so viele gefährliche Substanzen enthalten? Warum werden diese Substanzen in so vielen Fällen auch noch an die Umwelt freigesetzt und dringen sogar in den menschlichen Hormonhaushalt ein?

 

„Die Firmen wissen auch nicht alles über ihr Produkt. Dieser unbekannte Rest aber ist unser Problem.“

 

Jürgen Wittner: Das wäre eine Frage an die Forschung. Wieso verhindert die das nicht? Schließlich ist es imageschädigend, wenn so was rauskommt.

Werner Boote: Natürlich spielen die Kosten eine große Rolle. Und es ist eine sehr, sehr lange Produktionskette. Bis der endgültige Kunststoff im Laden landet, sind sehr viele Firmen beteiligt, sehr viele Menschen beschäftigt, die um ihren Job bangen. Die hie und da ein Auge zudrücken. Hinzu kommt: Die Firmen wissen auch nicht alles über ihr Produkt. Dieser unbekannte Rest aber ist unser Problem. Gibt es dann doch neue Forschungsergebnisse, versucht die Industrie die Konsequenzen sehr, sehr lange hinauszuzögern. Denn die Konsequenzen sind kostenintensiv und mühsam – warum sollten sie das tun, wenn sie nicht dazu gezwungen werden?

Jürgen Wittner: Ich habe noch eine persönliche Frage: Ihr Großvater verdiente sein Geld in der Kunststoffindustrie. Hatten Sie den Wunsch, etwas wiedergutzumachen?

Werner Boote: Das war es eigentlich nicht. Mich hat eines Tages ein kleiner Zeitungsartikel auf das Thema aufmerksam gemacht, und ich wurde neugierig. Natürlich spielt im Hintergrund auch mit, dass Kunststoff in meiner Familie so ein heiliges, so ein wichtiges Material war. Und dann meine Wissbegierde: Mit welchem Material hat sich mein Großvater so intensiv beschäftigt? Oder meine Mutter und meine Tante, die beide ihre Diplomarbeiten darüber schrieben? Bei meinem Großvater war das schwierig, weil ich dachte: Was hat der wirklich gewusst? Denn es liegt doch auf der Hand, dass die Industrie sehr viel mehr weiß, als sie zugibt.

Jürgen Wittner: Im Film dringt einmal kurz die Information durch, dass Ihnen aufgrund dieser Familienkontakte bereitwilliger die Türen geöffnet wurden. Waren Sie ein Trojanisches Pferd?

Werner Boote: Ich bin als Mitglied der Kunststofffamilie sogar zu Filmaufnahmen gekommen. In China führte die Nennung meines Großvaters im Schreiben an eine Kunststoff produzierende Firma sogar zu der Meinung, dass ein Kunde komme. Als dann aber klar war, dass ich einen Film über Kunststoff drehe, kam es sehr schnell zu einer internationalen Blockade. Als ich aus Österreich bei einer spanischen Firma anrief und mich vorstellte, fragte die Frau am anderen der Leitung sofort: „Plastic Planet? No comment!“ und legte auf. Diese Industrie ist sehr stark vernetzt.

 

Werner Boote ist ein Filmregisseur, der sich bislang mit Filmen aus dem Musikbereich wie z. B. „Kurt Rydl – Der Gladiator“ (Rydl ist Opernsänger!) einen Namen machte. Mit seinem aktuellen Dokumentarfilm „Plastic Planet“ (Kinostart: 24. 2.) betritt der 44-jährige Österreicher Neuland, und die Gründe sind familiärer Natur: Werner Bootes Großvater ist in der Plastikindustrie tätig gewesen. Mehr Informationen: www.plastic-planet.de

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