Contemporary Music

Wes’ wunderbare Welt

Wer Wes sagt, muss auch Anderson sagen. Denn dieser Regisseur macht wirklich mal was anders – obwohl er doch eigentlich immer das Gleiche tut.

Wes’ Wahlverwandschaften

„Ich arbeite gern mit meinen Freunden“, sagt Wes Anderson. Das ist verständlich – und nicht von Nachteil, da die Freundesliste sich ziemlich illuster liest. Zwar wurde der Texaner Anderson, anders als zum Beispiel Gwyneth Paltrow oder Jason Schwartzman, nicht in eine Filmemacherfamilie hineingeboren, hat aber mittlerweile eines Freundeskreis, den man glatt als Ersatzfamilie bezeichnen darf. Allerdings profitiert nicht bloß Anderson von seinen Freunden, es ist auch umgekehrt: Für einige war die Arbeit mit Anderson überhaupt erst das Sprungbrett – und für andere der Rettungsanker. Mit Owen Wilson verbindet Anderson eine Freundschaft, die über das Filmemachen hinausgeht. Sie teilten sich an der Uni in Austin ein Zimmer, schrieben das erste Drehbuch Andersons, der angibt, ohnehin nicht gern allein zu schreiben, und nach Wilson auch noch mit Noah Baumbach und Roman Coppola zusammenarbeitete, und sie verfilmten „Bottle Rocket“ auch gleich gemeinsam. Erst wurde ein Kurzfilm draus, dann ein Langfilm und ziemlich schnell für beide eine Karriere.

Für das nächste Anderson/Wilson-Projekt, „Rushmore“, entdeckte Anderson auf einer Party den Coppola-Cousin Schwartzman, der bis dato mit Schauspielerei nichts am Hut hatte. Außerdem verschaffte Anderson Bill Murray am drohenden Karriereknick eine Kultrolle im selben Film. Zahlreiche weitere Rollen bei Anderson sollten folgen und Murray als den mürrischen Tragikomiker etablieren, der er heute ist. Die jüngste: der stets in schlechtsitzenden Hosen – mal mit, mal ohne Hemd – herumlaufende Mr. Bishop in „Moonrise Kingdom“.
Für seinen aktuellen Film wagte sich Anderson allerdings ganz schön weit aus seiner Komfortzone. Er drehte zum ersten Mal mit Tilda Swinton, Bruce Willis, Edward Norton, Frances McDormand – und zwei 12-jährigen Hauptdarstellern, Jared Gilman und Kara Hayward, die in „Moonrise Kingdom“ ihr Kinodebüt geben, aber spielen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht, als depressiv-liebenswerte Fast-Teenager für Wes Anderson zu verkörpern. Schlau, der Wes: Die nächste Generation genialer Schauspieler, die für ihn jeden Quatsch mitmachen, ist geboren.

 

Wes’ Wortwechsel

Wes Andersons Dialoge sind zum Brüllen. Sind sie wirklich. Auf eine sehr leise Art.

Royal: „Ja, ich habe meine Familie verlassen, aber ich will alles wieder gutmachen.“
Margot: „Du kennst ja nicht mal meinen zweiten Vornamen.“
Royal: „Das ist eine Fangfrage, du hast keinen.“
Margot: „Helen.“
„Die Royal Tenenbaums“

Richie: „Ich habe einen Abschiedsbrief geschrieben …“
Chas: „Ach ja?“
Richie:„Ja.“
Chas: „Können wir ihn lesen?“
Richie: „Nein.“
Chas: „Wie wär’s mit ’ner Inhaltsangabe?“
Richie: „Nein, glaub ich nicht.“
Chas: „Ist er düster?“
Richie: „Natürlich ist er düster, ist ja ein Abschiedsbrief.“
„Die Royal Tenenbaums“

Steve Zissou: „In zehn Tagen mache ich Jagd auf den Hai, der meinen Freund gefressen hat, und vernichte ihn.“
Moderator: „Was ist der wissenschaftliche Zweck, ihn zu töten?“
Steve Zissou: „Rache.“
„Die Tiefseetaucher“

Mr. Bishop: „Ich bin hinterm Haus. Ich suche mir ’nen Baum, den ich umhacken kann.“
(Die Söhne spielen weiter stumm ihr Brettspiel. Wes Andersons Dialoge sind eben oft auch: Monologe.)
„Moonrise Kingdom“

 

Wes’ Witz

siehe „Wes’ Wortwechsel“
Und natürlich: die Gestik, die Mimik, die Dynamik – und oft auch das Fehlen derselben.
Wes Andersons Filme sind komisch statt lustig. Sie sind tragisch, aber selten traurig. Die Ernsthaftigkeit, mit der absurde Figuren absurde Dinge tun, absurde Dinge sagen, absurde Dinge tragen und ertragen ist Andersons Geheimrezept. Wobei: Geheim ist bei Anderson eigentlich nichts. Diese Art von Humor bekommen aber nur wenige hin – und kaum einer so wie Wes. Denn er ist detailversessen wie sonst nur Tim Burton, Tarantino oder Martin Scorsese. Letzterer hat ihn laut „The New Yorker“ auch schon mal öffentlich zu seinem Nachfolger erkoren. Ob Anderson darüber laut gelacht hat, ist nicht überliefert. Wahrscheinlicher ist aber, dass er melancholisch gelächelt hat wie einer seiner Helden und ein weiteres Jahr in der Versenkung verschwunden ist, um an Dialogen, Details und den Depressionen seiner Hauptfiguren zu feilen.

 

 

Wes’ wilder Stil

Senfgelb, Altrosa, Ocker, Olivgrün, Azur – so könnte man „Moonrise Kingdom“ auch beschreiben. Bei den „Royal Tenenbaums“ hat man sofort Ben Stillers roten Jogginganzug, Luke Wilsons weißen Tennisdress und Gwyneth Paltrows Pelzmantel passend zur Haarfarbe vor Augen. „Darjeeling Limited“ ist ganz in die gewürzigen Farben Indiens getaucht, und „Die Tiefseetaucher“ ohne orange Zipfelmützen: unvorstellbar!
Wenn Wes Anderson loslegt, geht der Tuschkasten auf. Und der Kleiderschrank dazu. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, alles hat Bedeutung. Wer nicht sieht, wie die Optik alles unterstützt, sagt schnell mal, dass Anderson den Inhalt der Form unterordne. Doch tatsächlich will kaum jemand den visuellen Overkill missen. Die Holzigkeit, mit der Anderson seine Protagonisten durch eine bis zur Skurilität durchgestylte Welt staksen lässt, scheint immer auch ein Abbild ihrer gequälten Seelen zu sein – oder wenigstens einer gewissen Fremdheit. Wes Anderson selbst sieht das Drumherum als Verlängerung seiner Figuren, als Unterstützung, als das, was sie nicht sagen. Oder – sollte man fairerweise sagen – was er sie nicht sagen lässt. Denn schließlich schreibt Wes Anderson alle seine Drehbücher selbst.

 

Wes’ Wiederholungen

Anderson liebt Wiederholungen, sei es in der Zusammenarbeit (siehe „Wes Wahlverwandschaften“), sei es … sonst eben.
Tiere, ob ausgestopft, echt oder als Verkleidung, sind ebenso ein wiederkehrendes Thema wie Selbstmord. Geschwister treten oft in Dreierformation auf – Anderson hat zwei Brüder –, und Familiengeschichten sind sein Steckenpferd. Ohne Familie geht es eben nicht – aber wie im richtigen Leben sind die Konstellationen nicht immer glücklich. Skurril, eigen und trotzdem liebenswert sind die Sippen, die er porträtiert. Wie seine mit diesem Film gleich um zwei Oscar-Preisträgerinnen (Swinton, McDormand) gewachsene Schauspielerfamilie. Aber wir fangen an, uns zu wiederholen … auch wenn das nicht das Schlechteste sein muss. Siehe: Wes Anderson.

 

CHECKBRIEF

NAME Wesley Wales „Wes“ Anderson
ALTER 43
KOMMT AUS Texas
BERUF Regisseur, Drehbuchautor, Produzent
STUDIERTE Philosophie
TEILTE sich an der Uni ein Zimmer mit Owen Wilson
FILMOGRAFIE
„Durchgeknallt“ (1996), „Rushmore“ (1998), „Die Royal Tenenbaums“ (2001), „Die Tiefseetaucher“ (2004), „Darjeeling Limited“ (2007), „Der fantastische Mr. Fox“ (2009)
AKTUELL „Moonrise Kingdom“ war Eröffnungsfilm der Filmfestspiele in Cannes am 12. Mai und läuft ab 24. 5. im Kino.
WORUM ES GEHT In „Moonrise Kingdom“ büxen zwei 12-Jährige aus, weil sie verliebt sind und sich von niemandem verstanden fühlen. Bei einer wilden Verfolgungsjagd über New Penzance Island im Sommer 1965 erweisen sich die Erwachsenen vom verschmähten Sheriff bis zum verbissenen Oberpfadfinder als mindestens ebenso schräg wie die jugendlichen Außenseiter.

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