Contemporary Music

Young Fathers: Nicht antisemitisch – aber gern mal anti!

Die Young Fathers haben eines der wichtigsten Alben des Jahres aufgenommen. Nur könnte man das überhören, wenn man das schottische Trio als Antisemiten beiseite schiebt.

„Klar, in Deutschland ist das natürlich ein ganz besonders sensibles Thema“, zeigt sich Graham Hastings vom Ausmaß der Diskussionen überrascht, das die Ereignisse rund um das Berliner Popkultur-Festival im letzten August hierzulande genommen haben. Auf Initiative der propalästinensischen Initiative BDS (Boycott Divestment Sanctions) sagten vier arabische und vier europäische Künstler ihre Teilnahme an dem Festival ab, weil auf den Plakaten unter den Sponsoren auch das Logo der israelischen Botschaft abgedruckt war, die der israelischen Künstlerin Riff Cohen einen Reisekostenzuschuss von 500 Euro bewilligt hatte. Und prominentester Vertreter der Boykottierenden waren eben die Young Fathers aus Edinburgh.

 

„Wir sind nicht Teil dieser Bewegung, aber wir wollen eine Diskussion anstoßen.“

 

Bereitwillig stellen sich die drei Bandmitglieder der Kritik und erklären ihre Entscheidung, weigern sich gleichzeitig aber auch, für jede fragwürdige Verlautbarung von BDS die Verantwortung zu übernehmen. „Wir sind nicht Teil dieser Bewegung, aber wir wollen eine Diskussion anstoßen, die nicht stattgefunden hätte, wenn wir unser Konzert gespielt hätten. Boykott ist die einzige gewaltfreie Protestform, die uns zur Verfügung steht. Natürlich gibt es neben der israelischen Regierung noch viele andere Länder, bei denen ähnliche Maßnahmen wichtig wären, und sollten weitere Künstler-Zusammenschlüsse zustande kommen, würden wir auch da unsere Teilnahme erwägen“, argumentiert Hastings. „Wir verurteilen ja nicht die Besucher des Festivals, und natürlich ist es wichtig, dass Menschen verschiedener Kulturen zusammenkommen, aber es hätte auf dem Festival keine Veranstaltungen und Diskussionen zu diesem Konflikt gegeben“, springt sein Bandkollege Kayus Bankole ihm bei. „Wer sich mit der Geschichte der Band auseinandersetzt und uns dann ernsthaft als Antisemiten bezeichnet, macht sich lächerlich“, schiebt er mit Nachdruck hinterher.

 

Tatsächlich stehen die Young Fathers wie kaum eine andere Band für Diversity: Als sie gleich mit ihrem Debüt „Dead“ im Jahr 2014 den Mercury Price gewinnen, haderten die konservativen Medien der Insel mit der Entscheidung, den renommiertesten britischen Kritikerpreis an „einen Nigerianer, einen Liberianer und einen Schotten“ zu vergeben. Und nicht umsonst reflektiert das Nachfolgealbum schon im Titel ein rassistisches Stereotyp: „White Men are black men too“. In ihren Texten, aber auch in Interviews und mit Solikonzerten machen sie sich zudem immer wieder stark gegen Rassismus, Misogynie und Homophobie.

 

Unfassbar, in welche Schräglagen sie sich begeben

 

Ihr stärkstes Argument ist zugleich auch der eigentliche Grund, warum die Young Fathers für Interviews nach Berlin gekommen sind: Mit „Cocoa Sugar“ stellen sie ihr radikalstes und bisher bestes Werk vor. Hatten sie in der Vergangenheit bereits einen ganz und gar eigenen Sound aus Pop, HipHop, Soul und Gospel etabliert, so treiben sie das Nebeneinander von Experiment und Eingängigkeit noch weiter voran. Unfassbar, in welche Schräglagen sie sich begeben, um dann zu Hits wie „In my View“, „Tremolo“ oder „Border Girl“ zu kommen. Und auch textlich gelingt ihnen der Spagat, eine politische Platte zu machen, gleichzeitig aber die leeren Parolen vieler Kollegen zu vermeiden. „Wir haben bewusst einen großangelegten Entwurf vermieden und in der Spontaneität darauf vertraut, dass zum Ausdruck kommt, woran wir glauben“, erklärt Hastings das konzeptlose Konzept. Immer wieder wird verhandelt, wie religiöse Dogmen die bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu erhalten helfen, und bei der Gegenüberstellung von Religion und Klassenzugehörigkeit ist nie ganz klar, in was für eine Figur sie mit ihrer Rollenprosa schlüpfen. „Wir haben uns bei einer Methode bedient, die alle Religionen eint“, sagt Bankole und lächelt süffisant. „Einfach den nahezu unendlichen Interpretationsspielraum von biblischen Referenzen nutzen.“

 

Young Fathers „Cocoa Sugar“ erscheint am 9. März.

 

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