Contemporary Music

Ziemlich beste Freunde

Dass der Elektrosoul von Honne wildfremde Menschen zum Sex animiert, soll am harmonischen Miteinander der beiden Londoner liegen. Aber ist ihre Beziehung wirklich unkaputtbar? Zur Veröffentlichung ihres zweiten Albums „Love me / Love me not“ haben wir das getestet.

Carsten Schrader: Andy, James, ihr habt mit Honne eine sehr eigenständige Spielart des Electrosouls etabliert. Nehmt ihr es eigentlich als Kompliment, wenn ständig behauptet wird, eure Musik eigne sich perfekt als Soundtrack zum Sex?

Andy Clutterbuck: Och, das ist ja nicht gerade die unattraktivste Art, seine Zeit totzuschlagen. Aber würde ich mich beschweren, wenn man unsere Musik als Motivationshilfe zum Staubsaugen anpreist? So richtig nachvollziehen kann ich den Sex-Bezug allerdings nicht. Beim Debütalbum noch eher, denn da gab es ja schon ein paar forschere Anspielungen.

Carsten Schrader: Aber selbst auf „Warm on a cold Night“ habt ihr ja eher romantische Gefühle und Beziehungsdramen als unverfängliche Abenteuer thematisiert.

James Hatcher: Es kommt immer darauf an, wie die Grenze zwischen Liebe und Lust gezogen wird. Vielleicht liefern wir ja sogar Gegenbeweise zu der These, durch Tinder würde das klassische Flirten aussterben. Wobei mich interessieren würde, ob die Sex-Assoziationen auch dann noch Bestand hätten, wenn wir als nächstes ein hartes Technoalbum veröffentlichen würden.

Andy Clutterbuck: Ich glaube, dass sich schon durch unser neues Album der Fokus verschieben wird, da die Texte auf „Love me / Love me not“ doch ein bisschen ernsthafter sind und tiefer gehen.

Carsten Schrader: Bei den meisten anderen Künstlern würden eure Texte kitschig und abgedroschen rüberkommen.

Andy Clutterbuck: Es ist ein sensibles Abwägen, und wir verwerfen auch viele Ideen als zu kitschig und pathetisch. Am Ende entscheidet meist die Produktion: In Verbindung mit konventionellen Popstrukturen würden manche Textzeilen nicht gehen, aber uns rettet die Tatsache, dass wir viel mit Jazzharmonien arbeiten.

James Hatcher: Es war schon lustig, wie viele Nachrichten wir wegen dieser Textzeile aus „I can give you Heaven“ bekommen haben: „You must be tired from all of the time that you spent running through my mind.“ Sie alle konnten nicht glauben, dass wir damit durchgekommen sind.

Carsten Schrader: Andere Themen als die Liebe wollt ihr in euren Songs aber nicht behandeln?

Andy Clutterbuck: In Schreibsessions hat man versucht, mich für andere Herangehensweisen zu begeistern. Aber ich kann mich nicht mit einem Song identifizieren, der etwa den Tod eines mir nahestehenden Menschen thematisiert – zumindest möchte ich ein solches Stück nicht jede Nacht singen. Wir haben schon eine sehr konkrete Vorstellung davon, wofür wir als Honne stehen.

Carsten Schrader: Ist das sehr harmonische Verhältnis zwischen euch beiden das Erfolgsrezept von Honne?

James Hatcher (lacht): In China hat uns neulich ein Interviewer gefragt, ob wir zusammen sind. Er hat einfach nicht locker gelassen und wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass wir einfach nur beste Freunde sind.

Andy Clutterbuck: Die große Vertrautheit hilft, und ich weiß, dass ich auf unsere Schnittmenge setzen kann: Nur wenn wir beide hundertprozentig hinter einem Song stehen, wird er auch veröffentlicht.

Carsten Schrader: Gerade da muss es doch auch mal knallen: Man ist von einer Idee überzeugt, aber der andere weist sie zurück.

Andy Clutterbuck: Dazu produzieren wir zu viele Songs. Wenn ich mit einem Entwurf nicht durchkomme, weiß ich, dass es beim nächsten Versuch besser läuft. Für „Love me / Love me not“ haben wir mehr als 30 Songs aufgenommen, wobei diesmal auch noch die Struktur der Platte erschwerend hinzukam. Wie wollten mit sechs „Love me“-Songs beginnen, auf die dann sechs Stücke folgen, die zwar nicht düster klingen, aber durchaus nachdenklichere Töne anschlagen und etwa Verlustängste oder das Leid einer Fernbeziehung thematisieren.

Carsten Schrader: Wann hattet ihr euren letzten Streit?

Andy Clutterbuck: Richtig Zoff gibt es bei uns wirklich nicht, höchstens angespannte Situationen. Zuletzt war das in der Schlange vor der Ausweiskontrolle in Shanghai so: Wir waren uneins, wer von uns das bessere Foto für Instagram gemacht hat. Da gingen ein paar schnippische Kommentare hin und her, aber schon als wir unsere Pässe vorzeigen mussten, war uns klar, dass es ein viel zu lächerlicher Grund ist, um sich ernsthaft zu streiten.

Carsten Schrader: Okay, Andy, was ist denn James’ nervigste Charaktereigenschaft?

James Hatcher (lacht): Andy, merkst du das? Wir sollen hier auseinandergebracht werden!

Andy Clutterbuck: Prinzipiell mag ich an James, dass er so aufgedreht ist und mich mit seiner Energie oft mitzieht. Aber es gibt auch Momente, in denen ich meine Ruhe brauche, um Dinge mit mir selbst auszumachen – und dann kann es schon mal anstrengend sein, wenn ich ihn nicht ausgeknipst bekomme.

James Hatcher: Falls ich im Gegenzug jetzt auch gefragt werde, passt meine Antwort dazu: Manchmal nervt mich Andys Langsamkeit. Ich schreibe ihm, dass ich zwei neue Songideen in unseren gemeinsamen Dropboxordner gelegt habe – und er braucht geschlagene drei Monate, um darauf zu reagieren.

Andy Clutterbuck: Stimmt ja nicht. Ich hatte die Ideen längst bearbeitet und nur vergessen, auf deine Nachricht zu antworten und dich darauf hinzuweisen.

James Hatcher (lacht): Ja, schon klar. Aber ich gebe jetzt nur nach, damit das Experiment misslingt, einen Keil zwischen uns zu treiben.

Interview: Carsten Schrader

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Honne • Album

Künstler: Honne
Titel: Love me / Love me not
Label: Atlantic Records
VÖ: 24.08.2018

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