FEMINISMUS GOES FASHION
Beth Ditto, It-Girl des Jahres, räumt den Weg frei für mutige Außenseiterinnen. Weil eigenwilliger Style aber nicht automatisch Haltung bedeutet, nimmt U_mag die auffälligsten Newcomerinnen genauer unter die Lupe.
Von Carsten Schrader
[*Beth Ditto*]
Foto: Lee Broomfield
Bei gerade mal 1,55 m Körpergröße bringt sie 95 kg auf die Waage. Sie definiert sich als Lesbe, während sie seit einigen Jahren eine Beziehung mit einem Transmann führt.
Selbst die schlimmsten Boulevardzeitungen interessieren sich plötzlich für Beth Ditto und feiern die Sängerin des Queerpoptrios Gossip als Freak. Und Ditto spielt mit. Obwohl sie vom Punk und der Riot-Grrrl-Bewegung kommt, gibt sie den Mainstreammedien, was sie wollen - mehr noch, sie lässt sich sogar zum Darling der Modeindustrie machen, die Dittos Szene so hasst: Ditto posiert nackt auf Magazincovern. Taucht bei der Fashion Week in Paris an der Seite von Karl Lagerfeld auf. Demnächst designt sie für das britische Label Evans Klamotten in Übergrößen. "Warum sollte ich mir das verkneifen und mich irgendwelchen Dogmen unterordnen?", fragt sie in Richtung der alten Indiefans. "Ich mache all das ja nicht aus Berechnung, um durch den Presserummel möglichst viele Platten zu verkaufen, sondern weil ich mich schon immer für tolle Klamotten begeistert habe. Gleichzeitig habe ich es nie verheimlicht, dass mich viele Aspekte der Modeindustrie ankotzen."
Natürlich geht es ihr neben dem Spaß auch darum, fette Menschen in einer von Magersüchtigen dominierten Welt sichtbar zu machen. "Man kann nicht genug gegen ausgrenzende Schönheitsideale und Verhaltensnormen anbrüllen", sagt sie. Schon immer stand bei Gossip auch der Protest gegen Sexismus und Homophobie auf der Agenda, und damit bringt die Band etwas in den Pop zurück, was in den letzten Jahren zu Gunsten cooler Oberflächen vernachlässigt wurde: kritische Inhalte.
Beth Ditto ist stark genug, um den Rummel auszuhalten, und sie ist nicht so naiv zu glauben, die Welt wäre nach einem Nacktfoto von ihr schon toleranter. "Jede Veränderung braucht mindestens zehn Jahre, bis sie wirklich im Mainstream angekommen ist. Es ist ein langer, schwerer Kampf, und ich versuche bei Minieffekten nicht zu resignieren, sondern sie als notwendigen kleinen Schritt in Richtung auf ein großes Ziel zu sehen." Dabei muss sie sich nicht nur auf den vermeintlichen Freakfaktor verlassen. Das neue Gossip-Album "Music for Men" strotzt so sehr vor Popappeal, da kann der Titelsong sogar eine Schwulenhymne sein, und die Radiosender werden ihn trotzdem nicht aus dem Programm kippen. Zumal Dittos Kampf für eine bessere Welt ja gerade erfolgsversprechender als etwa altbackener Feminismus ist, weil sie sich nicht so sehr für die Ausgrenzer interessiert, sondern für die Ausgegrenzten. "Mir geht es nicht um Leute, die der Meinung sind, andere Menschen seien hässlich. Ich will diejenigen erreichen, die mit Selbstzweifeln zu kämpfen haben. Erst wenn die mit einem größeren Selbstbewusstsein durch die Welt laufen, kann sich die öffentliche Wahrnehmung verändern."
[*Name*] Beth Ditto
[*Band*] Gossip
[*Alter*] 28
[*Wohnort*] Portland, Oregon
[*Vergangenheit*] War in der Punkszene aktiv
und veröffentlichte ihre ersten Platten bei dem legendären Riot-Grrrl-Label Kill Rock Stars
[*Album*] "Music for Men"
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[*Florence Mary Leontine Welch*]
Florence Mary Leontine Welch hat sich bereits auf den Weg gemacht. Natürlich hat vor allem der Erfolg von Lily Allen und Kate Nash das Interesse der britischen Musikindustrie an jungen Musikerinnen geweckt, doch ohne die Ausweitung der Toleranzzone durch Beth Ditto wäre die Singer/Songwriterin vermutlich ignoriert worden. Wenn sie unter dem Künstlernamen Florence & The Machine mit ihren Singles die Charts stürmt, ist sie da mit ihrem folkgetränkten Indiepop zwar nicht ganz allein, mit ihrem Style aber allemal: Mal macht sie auf elfenartiges Hippiemädchen, meist aber trägt die 22-jährige Londonerin lange schwarze Kleider und schminkt sich wie ein Goth. "Ich bin sehr an Mode interessiert, aber dabei glaube ich zuallererst an meine eigene Vorstellung von Schönheit", sagt sie - man könnte fast meinen, Beth Ditto würde ihr soufflieren. "Für mich ist Musik immer auch eine visuelle Kunstform, und deswegen wähle ich Outfits, die zu meiner Persönlichkeit und meinen Songs passen."
Doch statt wie die Gossip-Sängerin direkt und lautstark zu poltern, nutzt Florence traditionelle Weiblichkeitsklischees für Subversion. "Frauengesang klingt süßlicher, und aus Gewohnheit erwarten die Leute passend dazu auch romantisches Geplänkel oder allenfalls niedliches Aufbegehren. Also kann ich in einer schönen Melodie Widerhaken verstecken und komme viel leichter mit meinen düsteren Texten durch. Oft muss man sehr genau hinhören, bis man realisiert, dass ein Song etwa ganz makaber vom Tod handelt - aber dann läuft der Song längst im Radio", sagt sie lachend.
Foto: Tom Beard
Eine dezidiert feministische Programmatik verfolgt Florence allerdings nicht. Diskriminiert fühlt sie sich vor allem dann, wenn sie trotz ihrer eigenwilligen Performance ständig mit anderen Newcomerinnen wie Little Boots oder La Roux in die Frauen-Schublade gesteckt wird und sich zum britischen Female-Pop-Boom äußern soll. "Ich muss dann immer wieder das gleiche sagen: Ich bin ein Individuum. Ich respektiere, was die anderen Musikerinnen machen, aber es unterscheidet sich stilistisch komplett von meiner Musik", leiert sie ihren Text runter. Und muss dann doch lachen: "Wir sind alle Frauen, die Musik machen, aber das ist auch schon das einzige Verbindungsglied. Ich möchte mal die Gesichter einer Jungsband sehen, wenn sie in einem Interview über eine andere Band reden sollen, nur weil die auch Schwänze haben."
[*Name*] Florence Mary Leontine Welch
[*Künstlername*] Florence & The Machine
[*Alter*] 22
[*Wohnort*] London
[*Vergangenheit*] Wurde nach nur zwei Singles mit dem Kritikerpreis der Brit Awards ausgezeichnet
[*Album*] "Lungs"
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[*Elly Jackson*]

Foto: Antony Burdett Clark
Zum gleichen Thema drischt Elly Jackson wesentlich steilere Phrasen, und die sind ganz sicher nicht bei Beth Ditto abgelauscht: "Wenn jetzt so viele neue Musikerinnen auftauchen, dann liegt das vielleicht am Revival des 80er-Sounds. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber im allgemeinen sehen Jungs mit Gitarre einfach besser aus, weil Frauen immer so wirken, als würden sie sich mit Gitarren nicht besonders wohl fühlen. Jetzt kommen aber die Synthies zurück, und sie bieten uns eine Plattform, die wir uns besser erschließen können." Zusammen mit dem öffentlichkeitsscheuen Produzenten Ben Langmaid bildet Jackson das Elektropopduo La Roux, und trotz so kontraproduktiver Ansichten zählt sie zu den Repräsentantinnen einer neuen selbstbewussten Popweiblichkeit jenseits von blond und bauchfrei.
Nicht nur den Sound, auch ihr androgynes Erscheinungbild mit der merkwürdig horizontal aufgestellten Tolle hat sich Jackson bei 80er-Ikonen wie Yazoo und den Eurythmics abgeschaut. Doch es war ein langer Weg, bis aus Elly La Roux wurde. "In der Schule war ich nur von Leuten mit mir fremden Idealen umgeben. Irgendwann fängst du zu zweifeln an und fragst dich, ob du dir nicht die Haare färben oder unter die Sonnenbank gehen solltest", erzählt sie. "Doch später hat mein wahres Ich gesiegt. Eigentlich wollte ich schon immer einzigartig und provokant sein, und endlich konnte ich das gute Gefühl genießen, wenn die Leute auf der Straße sich kopfschüttelnd nach mir umdrehten."
Vor allem die Singles "Bulletproof" und "In for the Kill" haben Jacksons Image befeuert: Sie ist tough, souverän, lässt sich schon gar nicht von einem Typen unterkriegen. Doch wenn jetzt das Debütalbum erscheint, offenbart sie mit der Vorgeschichte zu den Singles auch die zerbrechliche La Roux. Letztlich handeln all ihre Songs von einer langjährigen Beziehung und die Singles repräsentieren die Befreiung - nach fünf Jahren Selbstzerfleischung.
[*Name*] Elly Jackson
[*Künstlername*] La Roux
[*Alter*] 21
[*Wohnort*] London
[*Vergangenheit*] Ihre Mutter ist die in England sehr bekannte Schauspielerin Trudie Goodwin
[*Album*] "La Roux"
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[*Ebony Bones*]

War ihre Beziehungshölle La Roux ein ganzes Album wert, liefert sie Ebony Bones nur weiteren Stoff, um bei all dem Gerede vom neuen Female-Pop-Boom herzlich abzuwinken: "Vielleicht gibt es da mal eine selbstbewusste Pose, aber die läuft dann ins Leere, weil es letztendlich doch nur wieder um Boyfriends geht. Über das gesellschaftliche Klima habe ich von all den neuen Musikerinnen bislang jedenfalls noch gar nichts gehört. Fuck, ich will nicht wie Bono klingen, aber ein Drittel der Welt hat keinen Zugang zu sauberem Wasser."
Ebony Bones ist die Radikalste unter den britischen Newcomerinnen - auch beim Styling. Die 24-jährige Londonerin mit dem blonden Afro kombiniert etwa schwarzweiße Herzchenleggins mit einem bunten Batiktop und wurstet darüber Arm- und Taillenreifen, in allen erdenklichen Schrillfarben und mit psychedelischen Mustern. Allerdings sollte man niemals den Fehler begehen, sie zu fragen, ob ihr DIY-Outfit demnächst auch in einem hippen Londoner Shop zu kaufen sei. "Ich interessiere mich einen Scheißdreck für die Modeindustrie, und meine Klamotten kosten mich auch selten mehr als ein Sparmenü bei McDonalds", krawallt sie. Noch kratzbürstiger wird sie nur, wenn man sie auf Grund ihrer Vorliebe für exzentrische Looks auf Lady Gaga anspricht. Weil die amerikanische Kollegin kürzlich in einem Interview sagte, sie würde sich häufig erst ein Outfit überlegen, um dann einen passenden Song zu den Klamotten zu schreiben, möchte sich Miss Bones am liebsten alle Finger gleichzeitig in den Hals stecken. "Meinetwegen soll Lady Gaga weiter Songs über ihre Schuhe schreiben, ihre Musik ist an Substanzlosigkeit eh nicht mehr zu überbieten."
Trotzdem sind die Outfits auch in der Welt von Ebony Bones nicht unwichtig. "Es ist ein großes Missverständnis, dass Style und Substanz nicht gleichzeitig funktionieren. Musik, die Substanz hat, muss nicht zwangsläufig wie Sinéad O'Connor oder Radiohead aussehen, sie kann gleichzeitig unterhaltend und politisch sein", sagt sie und legt ihre Strategie offen. "Die Klamotten und meine Liveshow sollen Leute anlocken, die ich ansonsten nicht kriegen würde. Ich will Pop imitieren, indem ich etwas produziere, das so aussieht, als ob es um nichts gehen würde."
Doch auf ihrem Debütalbum "Bone of my Bones" passiert verdammt viel. Da ist nicht nur der einzigartige, hyperaktive Mix aus Ska, HipHop, Postpunk und Afrobeat, da sind auch Messages: "We know all about you" beschreibt London als traurige Erfüllung der Orwellschen Überwachungs-Dystopie aus "1984", und mit der letzten Zeile aus ihrem Hit "The Muzik" fantasiert sie bereits einen kollektiven Traum von einer besseren Gesellschaft: "All we have is each other and the music to keep us warm." Feminismus ist ihr da längst nicht genug. "Ich träume von einer Welt, in der alle einschränkenden Kategorien überwunden sind. Eine Welt, die mich nicht einstuft als Mann oder Frau, schwarz oder weiß, schwul oder hetero, und in der ich einfach nur Ebony Bones sein kann." Ein schöner Traum, doch vermutlich sollten wir uns erstmal auf Etappenkämpfe konzentrieren. Bis zur Welt von Ebony Bones ist es noch ein langer Weg. Glaubt man Beth Ditto, dauert er ab jetzt zehn Jahre.
[*Name*] Ebony Thomas
[*Künstlername*] Ebony Bones
[*Alter*] 24
[*Wohnort*] London
[*Vergangenheit*] War zwischen
1998 und 2005 in der britischen Fernsehserie "Family Affairs" zu sehen
[*Album*] "Bone of my Bones"


