George FitzGerald: von Kreuzberg nach London, vom Club auf die Couch
Wie kommt man als DJ und Elektroproduzent zu einem Album, das auch jenseits der Clubs funktioniert? Der Brite George FitzGerald profitiert vom Altwerden - um Pop macht er trotzdem einen großen Bogen.
Carsten Schrader: George, an dem Vorhaben, ein elektronisches Album aufzunehmen, das auch daheim auf dem Sofa funktioniert, sind bisher fast alle Clubmusikkünstler gescheitert.
George FitzGerald: Stimmt. Oft sind ein paar gute Stücke dabei, trotzdem denkt man sich, dass drei oder vier EPs ein geeigneteres Format gewesen wären. Man kann elektronisch und auch ravig sein, nur müssen die Strukturen und die Arrangements interessanter sein. Den Bicep-Jungs ist es ganz gut gelungen oder auch Four Tet – aber der kommt ja auch ursprünglich aus der experimentellen Szene.
Carsten Schrader: Ist es dir nach all den Jahren als DJ schwergefallen, den Club zunächst mal aus dem Kopf zu verbannen?
George FitzGerald: Schon bei der Arbeit an meinem ersten Album habe ich die neuen Freiheiten zu schätzen gelernt. Ich habe als Künstler ganz andere Ausdrucksmöglichkeiten, wenn ich mir keine Gedanken machen muss, ob ein Stück um drei Uhr in der Panorama Bar gespielt werden wird. Andererseits gibt es auf „All that must be“ schon viele Töne, die eigentlich aus dem Club kommen. „Siren Calls“ bedient sich etwa beim Acid – nur ist das Stück eben sehr kurz, und die wenigsten DJs würden einen Track auflegen, der gerade mal vier Minuten dauert.
Carsten Schrader: Apropos Panorama Bar, während der Arbeit an dem Album hast du Berlin nach fast zehn Jahren verlassen und bist zurück in deine Heimatstadt London gezogen.
George FitzGerald: Noch habe ich meine kleine Wohnung in Kreuzberg und komme oft zu Besuch, um Freunde zu treffen oder aufzulegen. Ich vermisse die Stadt sehr und fühle mich in Berlin noch immer mehr zu Hause als in London.
Carsten Schrader: Das erklärt die melancholischen Untertöne – die zunächst überraschen, da du während der Arbeit an „All that must be“ ja auch Vater geworden bist.
George FitzGerald: Natürlich war die Geburt meiner Tochter ein ganz euphorischer Moment, trotzdem ist es ein bisschen komplizierter. Von einem Tag auf den anderen gab es plötzlich ganz viele Sachen, die ich nicht mehr machen konnte. Ich muss stabiler sein, darf nicht mehr ständig im Club abhängen, sondern muss früh aufstehen. Das Leben wird automatisch ein bisschen enger: Während ich früher alle paar Monate den Bezirk gewechselt habe, musste ich mich plötzlich nicht nur für eine Stadt, sondern auch für eine längerfristige Wohnung entscheiden. In manchen Momenten wünsche ich mir nur für zwei oder drei Wochen mein altes Leben zurück, und natürlich steckt auch diese Sehnsucht in der Platte.
Carsten Schrader: Für solche Reflexionen ist es sicher eine große Hilfe, dass du jetzt auch mit Vocals arbeiten kannst – andererseits hast du den Gesang so bearbeitet, dass er oft nicht zu verstehen ist.
George FitzGerald: Vielleicht kann ich noch nicht dazu stehen, dass ich alt werde. (lacht) Ganz generell bin ich mit Gesang aber noch ein bisschen zögerlich. Platten, die nur aus Features bestehen, finde ich schwierig, und es wird schnell zu poppig. Bei einer elektronischen Platte sind Vocalgäste keine Zutat, sondern das Salz, mit dem ich sie würze.
Carsten Schrader: Neben Vocalgästen wie Tracey Thorn oder Hudson Scott ist auch Produzentenkollege Bonobo vertreten, mit dem du an dem Song „Outgrown“ gearbeitet hast. Gab das keinen Egokampf?
George FitzGerald: Wir sind Freunde, und als er bei mir in London war, haben wir die ersten zwei, drei Tage gar nicht gearbeitet, sondern nur geredet und Samples getauscht. Irgendwann waren wir dann so entspannt miteinander, dass wir die Hoheitsrechte gar nicht mehr abstecken mussten, und wenn wenn ich das Stück heute höre, erkenne ich uns ganz gleichberechtigt nebeneinander: Schlagzeug und Klavier erinnern an ihn, nur ist alles ein bisschen raviger geraten als seine üblichen Sachen.
George FitzGerald „All that must be“ ist gerade erschienen.