Goat Girl: Im Süden viel Neues

In South London klingt britische Gitarrenmusik plötzlich wieder aufregend. Ganz besonders die von Goat Girl – und das nicht nur, weil bei ihnen die Tories auf dem Scheiterhaufen landen.

Carsten Schrader: Lottie, Rosy, über die Hochgeschwindigkeitsgentrifizierung in London hört man viele Horrorgeschichten, aber südlich der Themse scheint es zumindest noch ein paar Freiräume zu geben.

Lottie: Pah, in diesem Moment, in dem wir hier miteinander sprechen, wird bei uns in Brixton vermutlich gerade ein weiterer alteingesessener Laden dicht gemacht. Brixton, Peckham oder Stockwell sind noch verhältnismäßig günstig, aber der sogenannte leicht verlebte Charme ist längst als trendy markiert – und damit ist die komplette Zerstörung nur noch eine Frage der Zeit.

Rosy: Wir machen uns da keine Illusionen. Man muss sich nur anschauen, was aus dem Osten der Stadt geworden ist, dann weiß man, was uns in naher Zukunft blüht.

Carsten Schrader: Ausgehend von Künstlern wie King Krule und der Fat White Family hat sich in Südlondon aber trotzdem eine Gegenkultur und eine extrem spannende Musikszene etabliert.

Rosy: Fat White Family hatten mit The Queen’s Head einen wichtigen Fixpunkt errichtet: Eigentlich war das eine Bar, in der du dir einen Drink gekauft hast und dann mehrere Tage bleiben konntest. Die Mitglieder der Fat White Family haben dort gelebt, wenn sie gerade wohnungslos waren, sie hatten dort ihren Proberaum und haben auch regelmäßig Konzerte gespielt. Natürlich hat das viele weitere Musiker angezogen. Klar, den Laden gibt es auch heute noch – nur machen die jetzt in Erlebnisgastronomie.

Lottie: Die Luft wird dünner, trotzdem glaube ich fest daran, dass die D.I.Y.-Szene auch unter schwierigsten Bedingungen fortbesteht. Momentan finden in Brixton viele Undergroundevents in Privatwohnungen statt.

 

Carsten Schrader: Zumindest das Windmill gibt es aber noch, den Club, wo ihr bei einer von der Band Shame kuratierten Konzertreihe eure ersten Auftritte hattet.

Rosy: Seit Shame so erfolgreich und ständig auf Tour sind, haben sie für ihren Abend natürlich keine Zeit mehr, aber der Laden ist eine Institution. Während überall in London nur noch Clubs eröffnen, die mit irgendwelchen Konzernen kooperieren, zählt für den Booker vom Windmill allein seine Musikleidenschaft.

Lottie: Für uns waren diese Auftritte extrem wichtig, da wir uns vor einem aufgeschlossenen Publikum ausprobieren konnten.

Carsten Schrader: Habt ihr Angst davor, euch mit der Veröffentlichung des Debütalbums jetzt voll und ganz auf die Musikindustrie einzulassen?

Lottie: Bands wie Savages oder eben Shame zeigen, dass man in diesen Strukturen bestehen kann, ohne sich zu verbiegen. Letztlich haben wir unsere Kämpfe bereits ausgetragen: Nachdem die Single „Country Sleaze“ schon vor anderthalb Jahren erschienen ist, haben wir dem Drängen nicht nachgegeben, uns mit dem Album zu beeilen. Jetzt haben wir Vertrauen, denn wir arbeiten mit Partnern, die uns Zeit gelassen haben, unseren Sound zu finden.

Carsten Schrader: Neben Songs, die sehr eigen zwischen Countrypunk und schrägem Indiefolk pendeln, überrascht die Platte mit Interludes, die man eher vom HipHop und der elektronischen Musik kennt.

Lottie: Wir wollten uns ganz bewusst von diesen Gitarrenklischees lösen. Natürlich spielen wir in klassischer Bandbesetzung – und in unserer Generation bekommt man damit auch nicht ganz zu Unrecht den Freakstempel aufgedrückt. Britrock war irgendwann eine altbackene und ziemlich schwanzige Angelegenheit, zumal die meisten Bands komplett identisch klangen, da vermeintlich ausdefiniert war, wie man Geld verdienen kann. Aber wir profitieren jetzt ja auch von dieser Erfahrung und haben wohl gerade deshalb so viel Spaß daran, möglichst unterschiedliche Einflüsse aufzunehmen.

Rosy: Während die Songs sehr strukturiert und auch produziert sind, haben wir die Zwischenspiele ganz bewusst nicht angefasst und sie schön schmutzig gelassen. So wie es kontraproduktiv ist, wenn man uns als Girlband bezeichnet und damit vielleicht sogar die besten Absichten verfolgt, wollen wir kein Statement gegen all die Musiker setzen, die mit Logic und Ableton in ihren Schlafzimmern hocken. Das ist ja durchaus eine sehr positive Selbstermächtigung.

Carsten Schrader: Und wie könnt ihr bei Songs wie „Burn the Stake“ mit der Zuschreibung leben, eine politische Band zu sein?

Lottie: Es wäre einengend, weil es ja auch sehr viele Songs gibt, bei denen dieses Element fehlt. Wenn die Tories in dem Song auf dem Scheiterhaufen landen, steckt eine Wut dahinter, die raus musste – auf eine satirische und humorvolle Art. Gut gemeint und predigend finde ich so etwas eher uninteressant.

Das Debütalbum „Goat Girl“ erscheint bei Rough Trade/Beggars Group.

 

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