All die Nackten!

Die Berliner Volksbühne startet ihre letzte Saison unter Intendant Frank Castorf. Es wird wahnsinnig.

Am Audimax der Uni Gießen war in den Neunzigern ein Graffito zu lesen, Atomkraftgegner hatten „Castor stoppen!“ an die Mauer gesprayt. Und eines Nachts kamen Studenten aus dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaften und änderten den Slogan ab, aus „Castor“ wurde „Castorf“. Diese kleine Anekdote zeigt, welche Bedeutung Frank Castorf hatte – der seit 1992 amtierende Intendant der Berliner Volksbühne war ein Theatermacher, von dem sich Studenten abgrenzen mussten. Nicht weil er für schlechtes Theater stand, sondern weil er so übermächtig war.

Man kann sagen: Jeder, der in den Neunzigern theaterästhetisch sozialisiert wurde, steht in irgendeinem Verhältnis zu Castorf und zur Volksbühne – also praktisch alle hierzulande aktiven Theatermacher zwischen 30 und 50. Manche arbeiten ähnlich wie Castorf, assoziativ, ironisch, hochpolitisch, mit überbordender Phantasie und Hang zur Provokation, Leute wie Leander Haußmann, Sebastian Hartmann oder Martin Laberenz. Andere machen eben das nicht und suchen eine Symbiose mit dem Text, Leute wie Alvis Hermanis, Michael Thalheimer oder Thomas Ostermeier.

Letzterer betonte einst, dass es seiner Generation von Theatermachern immer primär darum gegangen sei, sich in ein Verhältnis zu Castorf zu setzen, in seinem Fall: sich von Castorf abzugrenzen. Das ist der Kern. Castorf ist der Vater des heutigen Theaters. Und auch wenn sich manchmal ein Vatermörder findet: Kalt lässt einen der Vater nie.

Und diese prägende Figur fürs deutschsprachige, ach was: fürs europäische Theater soll nun in Rente gehen. Im Sommer 2017, zum Ende dieser Spielzeit verlässt Castorf die Volksbühne im Streit, nachfolgen wird der Londoner Ausstellungsmacher Chris Dercon. Und man kann jetzt schon vorhersagen, dass das gesamte Berliner Theaterjahr geprägt sein wird von erstens Abschiedsschmerz und zweitens Hass auf Dercon, der für forcierte Hipness steht, für Management und Markt und fürs große Geld aus der Kunstwelt. Für all das, was der linke, von seinen Erfahrungen als DDR-Dissident geprägte, Querkopf Castorf zutiefst verabscheut.

Bevor man nun allerdings allzusehr der alten Volksbühne nachtrauert, den tollen Castorf-Inszenierungen „Dämonen“, „Die schmutzigen Hände“ und „Der Meister und Margarita“ etwa, sollte man vielleicht noch einmal kritisch rekapitulieren: Ja, Castorf war ein großartiger Regisseur. Dessen beste Berliner Arbeiten allerdings schon einige Jahre zurückliegen. Künstlerisch ist Castorf in keiner Krise, auch heute noch gelingen ihm immer wieder überzeugende Abende. Nur nicht in Berlin. Wenn Castorf heute glänzt, dann eher als Gastregisseur in Wien, München, Hamburg.

Außerdem war Castorf als Chef ein schwieriger Fall, der nur selten andere Theatermacher neben sich gelten ließ. René Pollesch vielleicht. Und jüngst Herbert Fritsch. Aber sonst? Christoph Marthaler? Eröffnet zwar die aktuelle, letzte Saison mit einem Stück namens „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“, ist aber ästhetisch schon lange in die innere Emigration verschwunden. Dimiter Gotscheff und Christoph Schlingensief? Sind tot. Thomas Bischoff und Andreas Kriegenburg? Sind nach wenigen Inszenierungen gefrustet abgezogen. Und auch einst wichtige Schauspieler wie Henry Hübchen, Bernhard Schütz und Milan Peschel sind längst nicht mehr an Bord.

Außerdem fällt auf: Wir reden hier immer nur von Männern. Künstlerinnen nahm Castorf nie so richtig ernst, in Geschlechterdingen war er ganz und gar nicht fortschrittlich, sondern ein Macho. Von gestern. Was man auch vielen seiner Inszenierungen ansah – das Frauenbild, das dort zu sehen war, war ein ziemlich ranziges. Frauen wurden in der Volksbühne oft auf ihre Jugend und ihre sehr attraktiven Körper reduziert, eine schräge Krawallschachtel wie Sophie Rois war die große Ausnahme im Ensemble.

Und hinter der Bühne sah es ganz ähnlich aus. Seit Jahren mischen junge Regisseurinnen wie Katie Mitchell, Jette Steckel oder Yael Ronen die deutschsprachige Szene auf, auch in Berlin sind sie sehr präsent, an der Schaubühne, am Deutschen Theater, am Gorki. Am Rosa-Luxemburg-Platz hingegen darf sich weiterhin gerade mal die jeweils aktuelle Castorf-Freundin auf der Bühne ausziehen.

Und doch, und doch, und doch. Wir werden es vermissen, dieses irre, grenzüberschreitende, hochpolitische Theater, für das Castorf stand. Wir werden die Exzesse vermissen, wir werden all die Nackten auf der Bühne vermissen, wir werden vermissen, wie die Schauspieler das Publikum, sich selbst, die Menschheit als Ganzes verspotteten. Wir werden es vermissen, ein Jahr lang, in dem Castorfs Volksbühne Abschied feiern wird, seinen Hass rauskotzen wird, am Ende verglühen wird. „Castorf stoppen!“ stand am Gießener Audimax, und jetzt ist Castorf tatsächlich gestoppt, man hatte schon nicht mehr daran geglaubt.

Wir werden uns aufregen, wir werden feiern, wir werden Exzesse miterleben. Und nach diesen Exzessen werden wir einen heftigen Kater haben. Und nach dem Kater fangen wir an, uns auf Chris Dercon zu freuen.

Falk Schreiber

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter

ab 21. 9., Volksbühne, Berlin

BU

Wo wird das ikonographische Logo der Berliner Volksbühne hinrollen?

Foto: © Thomas Aurin

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