Benedict Wells: Debütroman mit 23

„Ich bin in meiner Sprache nicht sehr präzise“, sagt Benedict Wells. Trotzdem veröffentlicht der gerade mal 23-jährige Wahlberliner mit „Becks letzter Sommer“ einen der besten Debütromane des Jahres 2008.

[*U_mag:*] Benedict, Glückwunsch: Mit 23 bist du in diesem Herbst der jüngste Debütant bei einem renommierten Verlag.
[*Benedict Wells:*] Danke! Die Veröffentlichung war mir einfach wichtig, weil ich schon so lange und unbestätigt schreibe. Irgendwann verzweifelt man daran und denkt sich: „Gib es auf, das wird eh nichts mehr.“ Aber jetzt kann ich endlich in einen Buchladen gehen und mein eigenes Buch in die Hände nehmen.

[*U_mag:*] Jetzt klingst du wie ein 50-jähriger Autor, der nach langer Durststrecke doch noch Erfolge feiert.
[*Wells:*] Aber ich schreibe auch schon seit fünf Jahren. Es ist egal, ob man 50 ist und seit fünf Jahren schreibt oder 23. Mit 23 ist es vermutlich noch schlimmer, fünf Jahre nichts veröffentlicht zu haben, weil es nichts gibt, was dich ablenken könnte. Du hast keine Familie, noch keine Kinder. Außer dem Schreiben ist da nichts.

[*U_mag:*] Hast du dir keine Bestätigung geholt, indem du Freunden oder Vertrauten deine Texte gezeigt hast?
[*Wells:*] Zwei oder drei Leute haben meine Sachen gelesen, und sie fanden die Texte auch gut. Aber die hätten es auch super gefunden, wenn ich das Telefonbuch abgeschrieben hätte. Deswegen war es so unglaublich wichtig, von außen Beachtung zu finden.

[*U_mag:*] War dieser Wunsch so dringend, dass du dir vorher nicht die Zeit für ein Studium gönnen wolltest?
[*Wells:*] Natürlich hatte ich nebenbei Jobs, um mich zu finanzieren, zuletzt habe ich für „Menschen bei Maischberger“ gearbeitet. Aber wieso sollte ich fünf Jahre Journalismus oder Germanistik studieren? Ich hatte nach der Schule einfach keine Lust mehr darauf, gesagt zu bekommen: „Hier, lesen Sie mal 200 Seiten übers Wochenende.“ Ich hatte keine Lust mehr, mich fremden Geistern zu öffnen, die bestimmen, was ich denken oder tun soll. Ich wollte mir nichts sagen lassen. Ich wollte mich nicht in Disziplinen behaupten, in denen ich gar nicht gut sein will. Auch wenn das mit dem Buch jetzt nicht geklappt hätte: Ich hätte noch Jahre so weitergemacht.

[*U_mag:*] Hattest du Angst, dass dein Stil beeinflusst wird?
[*Wells:*] Ja, deshalb wollte ich auch nichts studieren, was mit dem Schreiben zusammenhängt. Ich wollte mich nicht von Professoren beeinflussen lassen, die mich vielleicht auch in meiner Art kritisiert hätten. Am Schreiben ist doch gerade das Tolle, dass man bei jedem weißen Blatt selbst entscheiden kann, was man drauf bringen will.

[*U_mag:*] Umso mutiger ist es, dass du in einem Debüt über einen Rockmusiker und die Musikszene schreibst. Das Thema ist doch unglaublich abgenutzt und fast jeder Satz läuft Gefahr, ein Klischee zu bedienen.
[*Wells:*] Das wurde mir unter anderem ja auch vorgeworfen. Klar, es ist schwer, etwas Neues zu erfinden. Aber das ist für alle schwer, auch für Musiker selbst. Du [/kannst/] heute einfach nichts Neues mehr erfinden. Du kannst nur noch versuchen, aus allem Dagewesen einen eigenen Stil zu schaffen.

[*U_mag:*] Noch mutiger war es, den Roman auf eine so lange Zeitspanne anzulegen und unterschiedliche Lebensentwürfe gegeneinander zu stellen.
[*Wells:*] Ach, das war kein Problem. Ich beobachte Menschen schon mein ganzes Leben lang, und ich hatte nie Zweifel, dass ich mich in einen älteren Protagonisten hineinversetzen kann. Viele Themen, die in dem Buch wichtig sind, haben mich auch persönlich nie wirklich beschäftigt. Fragen wie: Was ist Mittelmaß? Was ist Genialität? Ich hatte nur eine einzige Sorge: Die Hauptfigur in dem Film „Sideways“ ist ein Lehrer, der auch schreibt, aber von dem nie etwas veröffentlicht wird. So wie diese Figur wolle ich nie werden: Ende 30 und kein Schwein will mich lesen. Wenn Leute nicht wissen, was sie machen wollen, dann ist es ja völlig okay, wenn sie erst mal studieren oder reisen. Aber ich wusste, dass ich schreiben wollte, und wenn ich trotz dieses Wissens etwas studiert hätte, wäre das einfach feige gewesen.

[*U_mag:*] Andererseits haben dir einige Kritiker sprachliche Ungenauigkeit vorgeworfen.
[*Wells:*] Das ist schon okay, und es ist ja auch wahr. Ich bin in meiner Sprache nicht sehr präzise. Ich merke das, weil ich auch Autoren lese, die stilistisch unheimlich gut sind. Das bin ich halt nicht.

[*U_mag:*] Du hättest dir auch ein Jahr mehr gönnen und den Roman erst mit 24 veröffentlichen können.
[*Wells:*] Nach anderthalb Jahren war ich einfach fertig mit dem Buch und wollte auch nicht mehr. Man muss auch mal loslassen können, sonst sitzt man nachher acht Jahre an einem Buch. Bis es ganz perfekt oder zu perfekt ist. Einfach schreiben, loslassen und fertig! Sonst wird das nichts. Die Fehler kann man ja beim nächsten Buch verringern. Ich bin jetzt dabei, mit dem Gelernten neu zu schreiben.

[*U_mag:*] Jungen Autoren wird oft vorgeworfen, dass sie nichts zu erzählen haben. Sie bleiben zu sehr bei sich und ihrer eigenen Biografie.
[*Wells:*] Das erste, was ich geschrieben habe, war über mich selbst. Das macht jeder. Man muss am Anfang über sich selbst schreiben, man muss sich doch austesten. Man darf nicht lange nachdenken, man muss sofort losschreiben. Leute, die sagen: „Ja, so in fünf Jahren, wenn ich angekommen bin und einen Beruf habe, dann schreibe ich“, das sind die Leute, die es nie machen werden. Bei mir ist es inzwischen so, dass ich viel lieber über Sachen schreibe, die nichts mit mir zu tun haben.

[*U_mag:*] Hast du das Gefühl, dass du gegen die eingefahrenen Strukturen des Literaturbetriebs antrittst?
[*Wells:*] Irgendwie schon. Es gab mal einen Artikel im Spiegel, der hatte die Überschrift „Jung, deutsch, nein danke“. Anscheinend ist es so, dass ein 20-Jähriger heute noch nicht so viel erlebt hat. Früher war ein 20-Jähriger schon alt. Aber ich hab ja eine Geschichte erzählt und nicht über mich selbst geschrieben. Trotzdem wollte das Buch zuerst niemand haben. Immer wieder habe ich merkwürdige Begründungen gehört: „Du bist zu jung, du bist doch erst 23. Mach erst mal was mit deinem Leben. Du kannst ja später noch schreiben.“ Diese Einstellung hat mich geärgert. Entweder schreibe ich gut oder schlecht. Das Alter ist doch völlig gleichgültig.

[*U_mag:*] Ist die Wut der Jugend nicht eine wichtige Antriebsquelle für dich?
[*Wells:*] Natürlich hat mich die Wut über die ganzen Ablehnungen motiviert. Wenn du so viel Ablehnung erfährst, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du lässt es bleiben, oder du machst es erst recht. Am Anfang taten die Ablehnungen einfach nur weh, aber dann konnte ich den Schmerz in Motivation verwandeln. Das war sehr wichtig.

[*U_mag:*] Hast du keine Angst, diese Wut bald verloren zu haben?
[*Wells:*] Die Wut wird noch lange nachwirken. Ich habe 20 Jahre ein unbestätigtes, nicht gerade tolles Leben geführt, und das gibt mir sicher noch Kraft für zehn Bücher. Es ist aber kein Zufall, dass viele Bands wie die Rolling Stones irgendwann mal aufgehört haben, gute Songs zu schreiben. Auch denen geht mal die Puste aus. Die Gefahr lauert dann, wenn es einem zu gut geht und alles seinen gewohnten Gang nimmt. Es gibt ja auch gute Schriftsteller, denen einfach nichts mehr einfällt. So kreativ die Bücher von Nick Hornby auch immer noch sind, inzwischen sind sie einfach seelenlos kreativ. Er ist immer noch jemand, der gute Bücher schreibt. Aber den neueren Sachen fehlt einfach der letzte Touch, den seine ersten drei hatten.

[*U_mag:*] Woraus willst du denn Kreativität schöpfen, wenn die Wut dann doch mal verbraucht ist?
[*Wells:*] Daraus, Vater zu werden. (lacht) Das klappt bestimmt. Wenn sich dein Umfeld verändert, ist das immer gut. Ich würde jetzt nicht allein deswegen eine Familie gründen, aber solche Erlebnisse zu haben, ist wichtig. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, 30 Jahre lang gleich zu leben. Man muss immer wieder was Neues machen. Bei Graham Greene heißt es: „Man lebt länger, wenn man viel reist.“ Daran glaube ich. Ich war gerade zwei Monate in den USA - und es fühlt sich an wie ein Jahr.

[*U_mag:*] Du hast einen Roman über die Musikszene geschrieben und vergleichst Autoren mit Musikern. Ist die Literatur der Musik in bestimmten Dingen auch überlegen?
[*Wells:*] Literatur lässt die Bilder direkt in deinem Kopf entstehen. Der Leser ist der Regisseur. Alle anderen Medien, Bildende Kunst, Film und Musik, bringen etwas zu dir, das schon fertig ist. Du kannst es nur noch konsumieren und bist dabei nicht frei. Als Leser arbeitest du dagegen mit dem Autor zusammen. Der Autor gibt dir die Stichwörter, aber die Bilder suchst du dir selbst. Das ist das Einzigartige an Literatur. Jeder hat seine eigene Romanfigur. Jeder, der meinen Roman liest, hat seinen eigenen Beck. Der sieht immer anders aus, es gibt tausend verschiedene Becks. Das ist der Vorteil von Büchern. Musik kann dafür Emotionen innerhalb von Sekunden hervorrufen. Bücher muss man lesen, und manchmal entstehen erst nach 300 Seiten Emotionen beim Leser. Ein Song kann dich schon nach zwei oder drei Minuten gepackt haben.

Check-Brief

[*Name*] Benedict Wells
[*Alter*] 24
[*Beruf*] Schriftsteller
[*Geboren in*] München
[*Promo-Legende*] Singt in der Indieband „Darts Of Pleasure“, die aber seit längerer Zeit auf Eis liegt
[*Reiste*] für drei Monate in die USA, um für seinen nächsten Roman zu recherchieren
[*Durchlebt gerade*] seine erste Schreibblockade nach der Trennung von seiner Freundin
[*Zukünftiges Projekt*] Plant eine Fantasy-Noir-Reihe zu schreiben

 

Leseprobe

Beck war spät dran, er raste mit dem Audi zur Schule. Aus den Boxen dröhnte Transmission von Joy Division. Er steckte sich eine Zigarette an und drehte die Lautstärke auf. Kurz darauf hielt er auf dem Lehrerparkplatz.
Als Beck durch die Flure des Georg-Büchner-Gymnasiums ging, spürte er wieder, wie sehr er dieses Gebäude hasste. Hier hatte schon sein Vater unterrichtet, hier hatte er selbst das Abitur gemacht, ehe er nach dem geplatzten Traum von einer Musikerkarriere an genau dieser Schule Lehrer geworden war. Inzwischen kannte er jeden Winkel, jedes Geräusch, jedes Gefühl: Jungs, die heimlich auf den Toiletten rauchten, kichernde Mädchen, ein küssendes Pärchen auf dem Schulhof, hektische Gesichter, Gelächter, Versagensangst, laute Lehrerstimmen. All das wiederholte sich, jeden verdammten Tag. Die Gefühle blieben immer die gleichen, während die Menschen, die sie erlebten, austauschbar waren.
Nachdem er zwei Stunden Deutsch unterrichtet hatte, befand sich Beck nun im Westflügel. Er hatte die 11b in Musik. Das Fach teilte er sich mit Norbert Berchthold, einem verklemmten Anfangvierziger, den er aus tiefster Seele hasste. Diese betuliche, unfassbar langweilige Frank-Elstner-Art, diese Hochwasserjeans der Karstadtmarken Le Frog und Barisal, diese weißen Birkenstocksandalen mit weißen Socken im Sommer. Norbert Fucking Berchthold.
Das einzig Interessante an ihm war, dass er eine dreizehn Jahre ältere Freundin namens Inge hatte, deren Falten im Gesicht so tief waren, als hätte man mit einem Messer lange Striche in Ton geritzt. Beck nannte sie immer die »grimmige Inge«, weil sie nie lachte. Die grimmige Inge war arbeitslos, und hin und wieder kam sie Berchthold nach dem Unterricht besuchen, dann schlossen sich die beiden im Hinterzimmer des Musikraums ein, rauchten es voll und hörten französische Chansons oder Joe Cocker. Übel nahm Beck seinem Kollegen aber vor allem zwei Dinge. Erstens, dass sich dieser alte Öko-Pazifst vor ein paar Jahren tatsächlich auf die Schienen eines Castor-Transports gelegt hatte. Wie gestört konnte man sein? Und zweitens war da noch die Werner-Tasse, aus der Berchthold jeden Tag seinen Kaffee trank. Abartig. Und mit so was teilt man sich dann noch muntere zwei Jahrzehnte lang den Job, dachte Beck, aber ohne mich. Allerdings: So wie es aussah, kam er aus dieser Lehrersache nicht mehr raus, also würde er Berchthold in den nächsten Jahren wohl irgendwie kunstvoll ermorden müssen. Vielleicht Gift in den Kaffee schütten, dann hätte es sich endlich ausgewernert.
Beck betrat das Musikzimmer. Mit einem Buch in der Hand kam Anna Lind auf ihn zu. Anna war fast achtzehn und ein wahrgewordener Lehrertraum oder, wie Kollege Ernst Mayer neulich Beck zugeraunt hatte, ein »geiles Stück«. Ihr langes Haar war blond, ihre blauen Augen glänzten, als ob sie ständig den Tränen nahe wäre, und ihr Gesicht hatte eine unschuldige Kühle, die schon fast wieder durchtrieben wirkte. Wenn Beck sie ansah, kamen ihm immer Wörter wie unfassbar sexy, heiß, göttlich in den Sinn.
»Danke«, sagte sie und gab ihm High Fidelity von Nick Hornby zurück. Sie hatte es sich von ihm für das Literaturcafé ausgeliehen, das Beck hin und wieder veranstaltete. Anna schenkte ihm noch ein kurzes Lächeln, dann setzte sie sich.
Beck hielt nun eine lockere Stunde über berühmte Orchesterwerke. Es war schon kurz vor der Pause, als er ein Merkblatt über Smetana kopieren ging. Kaum betrat er mit den Kopien in der Hand wieder das Klassenzimmer, be-merkte er, wie einige Schüler jemanden kichernd mit Papierkugeln bewarfen. Rauli Kantas, einen Neuen aus Litauen. Beck hatte gestern im Wegfahren gesehen, wie der Junge nach der Schule auf dem Parkplatz geweint hatte. Jetzt schien es diesen Rauli jedoch nicht zu stören, dass er beworfen wurde. Mit stoischer Ruhe und Kopfhörern auf den Ohren schrieb er einen kleinen gelben Zettel voll. Da wurde er wieder von einer Papierkugel am Kopf getroffen.
»Lasst das!«, sagte Beck und ging dazwischen. »Jessas, was ist denn los mit euch, seid ihr alle wieder Kleinkinder, oder was?«
Das Werfen wurde maulend eingestellt. Beck schüttelte den Kopf. Da er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, seinen Schülern die letzten fünf Minuten jeder Musikstunde etwas vorzuspielen, legte er eine cd mit Smetanas Moldau auf. Dann trat er vor Rauli Kantas. »Komm mal mit.« Der Junge setzte die Kopfhörer ab. Den gelben Zettel ließ er in seiner Hosentasche verschwinden. Er sah seinen Lehrer fragend an.
»Ja, dich mein ich. Komm mal mit.«
Rauli erhob sich. Er war blass und dünn, seine pechschwarzen Haare hingen ihm ins jungenhafte Gesicht. Zudem war er wahnsinnig schlecht anzogen. Unter seinem Bundeswehrparka trug er ein Metallica-Shirt und eine schwarze Karottenhose. Obwohl er bereits siebzehn Jahre alt war, wirkte er in seinen schlechtesten Momenten eher wie ein rebellischer Vierzehnjähriger. Wahrscheinlich hatten sie ihn deshalb auch mit den Papierkugeln beworfen. Beck ging mit ihm ins Hinterzimmer und machte die Tür zu.
»Warum ich? Ist was Schlimmes?«, fragte Rauli. Seine Stimme war sanft und nicht sehr tief. »Nein, nein«, sagte Beck. »Ich wollte dich nur fragen, ob bei dir alles klar ist. Ich hab dich gestern gesehen.«
Rauli schaute ihn misstrauisch an. »Bei was?«
»Wie du auf dem Parkplatz geweint hast.«
»Ach so . . . das.« Der Junge schien seltsamerweise erleichtert.
»Ist kein Problem, Herr Beck. Ist alles wieder gut.
Wirklich!«
»Fein. Sollte noch irgendwas sein … . Was zum Teufel …«
Beck fuhr herum. Aus dem großen Vorderzimmer des Musikraums drang plötzlich laute Musik. »Wart mal«, sagte er zu Rauli, dann eilte er zum Rest der Klasse zurück.
Die 11b war ein Tollhaus. Niemand saß auf seinem Platz, alle grölten oder buhten. Beck sah, wie der Klassenclown Jesper Lier unter dem Gelächter seiner Mitschüler auf einem Tisch stand und eine Stripshow veranstaltete. Er wedelte mit seinem ausgezogenen Hemd herum. Zwei giggelnde Mädchen knisterten mit Geldscheinen und taten so, als würden sie sie ihm zustecken. Dazu dröhnte aus den Boxen You can Leave Your Hat on. Irgendein Schüler musste die cd mit Smetanas Moldau einfach durch eine von Joe Cocker ausgetauscht haben, die Kollege Berchthold hier vergessen hatte.
Beck drückte die Stopptaste, die Musik erstarb. Alle murrten enttäuscht und setzten sich auf ihre Plätze. »Jessas, ihr seid wohl völlig verrückt geworden?« Beck ging auf Jesper Lier zu. »Wir beide reden nachher. Und was euch angeht . . .«, er wandte sich an die Klasse, »kann man euch nicht mal fünf Minuten allein lassen? Wir können nächste Stunde auch gerne eine Arbeit über Notationen und Partituren schreiben, wenn euch das lieber ist. Oder aber ihr reißt euch ein bisschen zusammen. Verstanden?« Ein lautes Aufstöhnen ging durch die Klasse. Ja, ja, ihr mich auch, dachte Beck. Er wollte noch etwas sagen, als es zur Pause läutete. Alle packten ihre Sachen und verließen fluchtartig den Raum. Beck seufzte, dann ging er wieder ins Hinterzimmer. Dort traf ihn fast der Schlag. Dieser Rauli Kantas hatte sich einfach eine seiner sündhaft teuren E-Gitarren umgehängt.
»Was machst du da?«, fragte Beck ein wenig ängstlich, wie jemand, dessen Gegenüber gerade eine Waffe gezogen hatte. »Leg die wieder weg.«
»Wow, ein weiße Fender Stratocaster!«, flüsterte der Junge. »Die muss voll teuer sein. Darf ich anschließen?«
Beck wollte eigentlich nein sagen, aber dann dachte er daran, dass dieser Junge gestern noch geweint hatte. Er nickte. »Aber nur kurz.«
Rauli schmiss den Bundeswehrparka achtlos auf den Boden. Beck stöpselte währenddessen die Gitarre an den Verstärker. Der Junge schwang die Stratocaster einmal heftig herum. Was mach ich da nur, dachte Beck, dieses komische Kind haut mir das Teil bestimmt noch zu Schrott. Und dann spielte das komische Kind. Durchs Zimmer donnerte ein mächtiges Gitarrenriff, vorgetragen in rasender Geschwindigkeit. Raulis lange Finger huschten über die sechs Saiten und entlockten der Gitarre winselnde, schneidende Klänge, die Beck nicht mal im Traum hinbekam. Der Junge griff Akkord um Akkord ab, verrenkte seine teuflisch schnellen Finger und ließ sie hoch und runter sausen, bis Boden und Decke vibrierten und die Zimmerlampe hinund herschwang. Ein Orkan tobte durchs Zimmer, Tische und Stühle fielen um, Holz splitterte. Beck musste sich am Türrahmen festhalten, um nicht auch davongeweht zu werden. Das Klavier zerbarst unter dem Getöse, die Scheiben des Fensters sprangen mit einem Klirren in tausend Teile, während die Wände tiefe Risse bekamen, getroffen von dieser Urgewalt. Und im Auge des Taifuns stand, völlig ruhig, ein Junge mit einer Gitarre in der Hand.
Beck musste vor Freude grinsen. »Das reicht!«, sagte er schließlich, als er endlich wieder ein ernstes Gesicht hinbekommen hatte.
»’tschuldigung«, sagte Rauli, dessen Zunge beim Spielen wie eine kleine rote Robbe aus dem Mundwinkel herausgehangen hatte.
Beck starrte ihn fassungslos an. Dieser kindliche Litauer war verdammt noch mal so gut wie Jimi Hendrix, ach was, er war besser als Jimi Hendrix. Und trotzdem lief er hier einfach so durchs Schulgebäude, ohne dass irgendjemand etwas von seiner Begabung mitbekam.
Nachdem Rauli sich bedankt hatte und in die Pause gegangen war, blieb Beck noch allein im Hinterzimmer stehen. Er spürte, wie sich der Wind drehte. Binnen Sekunden reiften in ihm Pläne heran, er sah, wie er mit Rauli spielte und diesen Rohdiamanten zu einem Juwel schliff. Er sah, wie er zur Musik zuruückkehrte. Dann entdeckte er, dass der Junge seinen Parka auf dem Boden liegengelassen hatte. Beck hob ihn auf. Dabei fiel etwas heraus. Ein durchsichtiges Tütchen mit verdächtigem Inhalt. Beck roch daran. Das altbekannte Aroma stieg ihm in die Nase, weckte Erinnerungen an stickige Proberäume und herrliche Abende an Seen mit längst verlorenen Freunden. Er betrachtete das Tütchen lange. Erstklassiges Hasch, kein Zweifel.
»Scheiße«, sagte Beck.

Benedict Wells: Becks letzter Sommer
Diogenes
ISBN 978-3-257-06676-0
www.diogenes.de

 

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