Ein echter Tausendsasa

Sasa Stanisic ist Schriftsteller, hat trotzdem die richtige Frisur und soeben das beste deutschsprachige Debüt der letzten Jahre veröffentlicht. Nur eins möchte der ehemalige Kriegsflüchtling aus Bosnien nicht sein: ein gelungenes Beispiel für Integration.

Als 14-Jähriger kam Sasa nach Heidelberg, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Heute ist er 28 und studiert am Leipziger Literaturinstitut. Natürlich gibt da es viele biografische Parallelen, wenn Sasa in seinem grandiosen Debütroman „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ den kleinen Jungen Aleksandar vom Bürgerkrieg in Bosnien berichten lässt, wenn er ihn als Flüchtling nach Deutschland verpflanzt, aber erst nach vielen Jahren im neuen Land wirklich ankommen lässt und später, bei einer Reise ins Nachkriegsbosnien, mit der Entfremdung von der alten Heimat konfrontiert. „Wie lange ein Herzstillstand für hundert Meter braucht, wie schwer ein Spinnenleben wiegt, warum mein Trauriger an den grausamen Fluss schreibt und was der Chefgenosse des Unfertigen als Zauberer draufhat“: Schon die Kapitelüberschriften lassen den wortgewaltigen Erzähler und seine intelligenten Sprachspiele erkennen. Carsten Schrader sprach mit dem Shootingstar der Literaturszene über Fremdsein in Deutschland.

 

Carsten Schrader: Sasa, du bist nach Deutschland gekommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Hast du dich lange nach der Heimat zurückgesehnt?

Sasa Stanisic: Ja, durch meine Eltern und aus mir selbst heraus hatte ich das Gefühl, der Krieg würde schnell zu Ende gehen. Fast zwei Jahre lebten wir aus Koffern, weil wir immer gedacht haben, dass wir vielleicht schon nächste Woche zurückgehen. Wir haben nie neue Möbel gehabt, sondern immer nur Sperrmüllzeug. Wir wollten uns nichts anschaffen, weil wir fest geglaubt haben, dass unser Deutschlandaufenthalt nicht von Dauer sein wird. Es war aber eine große Illusion, dass der Krieg nicht lange andauern kann, darf, soll. Er dauerte dann ja jahrelang, und wir saßen da und hatten Sehnsucht. Dadurch, dass wir uns nie auf Deutschland eingestellt haben, dieses Land für uns nie zugelassen haben, war da am Anfang dieses Gefühl, dass wir hier nicht hergehören. Zuerst fand ich nichts schön, nichts war lebens- oder liebenswert, ich selber eingeschlossen. Alles war bezogen auf Bosnien, auf Telefonate. Ich habe ganze Tage versucht, durchzukommen, mit Leuten zu reden, die geblieben sind. Ich habe ein Jetzt gedacht, das dort war und nicht hier

 

„Alles, was wir aus Serbien gesehen haben, war völlig neben der Spur und einseitig.“

 

Carsten Schrader: War es denn möglich, Kontakt mit der Heimat zu halten? Konntet ihr euch in Deutschland über die Lage in Bosnien informieren?

Sasa Stanisic: Ich habe eine Szene geschrieben, in der Aleksandar im Fernsehen den Krieg in Bosnien sieht und nicht versteht. Das entspricht einer persönlichen Erfahrung. Wir haben gesehen, da brennen Häuser in Sarajevo, und wir verstehen kein Wort, was darüber gesagt wird. Das macht einem Angst, weil man nicht weiß, welches Ausmaß das hat. Man sieht natürlich die brisantesten Bilder, die erklären, dass das jetzt die Katastrophe schlechthin ist. Dieser Bruch ist da, weil man denkt, okay, das ist ja jetzt nur eine Szene, das ist ja nicht überall so. Wir haben uns damals eine Satellitenschüssel angeschafft, denn damit konnte man jugoslawisches Fernsehen gucken. Dann kam aber das Problem, dass das total staatsgeleitet war. Alles, was wir aus Serbien gesehen haben, war völlig neben der Spur und einseitig. Über private Kontakte konnten wir vergleichen – und haben ganz andere Dinge gehört

Carsten Schrader: Wann hast du begonnen, dich auf Deutschland einzulassen.

Sasa Stanisic: Erst, als die Bilder kamen, die den Zustand von Sarajevo vermittelt haben, als die ersten Konzentrationslager erwähnt wurden, da erfasste mich als 16-Jährigen ein Begreifen. Schlagartig wurde mir klar, dass dieses Leben hier eben kein Kurzaufenthalt in Deutschland ist. Dann erst begannen wir langsam, uns ein bisschen einzurichten. Für mich war das natürlich viel einfacher als für meine Eltern, weil ich jünger war. Ich begann, mir ernsthaft zu überlegen, was ich nach dem Abi mache. Das war dann ja tatsächlich auf einmal eine dringende Frage. Mit den praktischen Überlegungen ging dann auch diese Sehnsucht ein bisschen zurück. Ich habe bald schon deutsche Freunde gehabt, lernte auf einer internationalen Gesamtschule sehr schnell Deutsch, das hat meine sogenannte Integration sehr erleichtert. Ich bin zumindest sehr schnell angekommen, nach einem oder anderthalb Jahren war ich hier. Ich hatte eine Freundin und konnte einfach gut zurechtkommen. Dann habe ich angefangen zu schreiben, und in diesen ersten Gedichten auf Deutsch war noch viel von der Sehnsucht, vom Verlust da. Im nächsten halben Jahr habe ich dann aber Bukowsky gelesen, und dann ging es ums Saufen, um erste Erfahrungen mit Alkohol und solche Sachen.

 

„Ich konnte gut Fußball spielen, das war ein großer Vorteil auf dem Schulhof. … Im Spiel hatte ich niemals das Gefühl, fremd zu sein.“

 

Carsten Schrader: Deine ersten Kontakte hast du über Fußball geknüpft, oder?

Sasa Stanisic: Ich konnte gut Fußball spielen, das war ein großer Vorteil auf dem Schulhof. Das war eine Art und Weise, um dazuzugehören. Wir haben gekickt, ich konnte mitkicken – und dabei hörte keiner zu. Im Spiel hatte ich niemals das Gefühl, fremd zu sein. Und ich wusste, wenn ich Deutsch lerne, kann ich mit denen auch über andere Dinge kommunizieren. Ich wusste, je schneller ich lerne, desto besser komme ich zurecht. Und ich habe unglaublich schnell gelernt. Ich habe mich nie gegen die Sprache gewehrt und fand es ziemlich schnell sehr gut, dass ich Deutsch lerne.

Carsten Schrader: Am Leipziger Literaturinstitut promovierst du zum Thema „Fußball und Literatur“. Besteht da ein Zusammenhang?

Sasa Stanisic: Das hat eigentlich keine Verbindung zu diesen ersten Schritten in Richtung Kommunikation. Da geht es um mein Interesse, wie man über Fußball literarisch schreibt. Ich bin da eher über mein Fansein gelandet, vom HSV übrigens.

Carsten Schrader: Wie kommst du denn nur zum HSV?

Sasa Stanisic: Mein allererster sehr guter Freund in Heidelberg war HSV-Fan. Ich habe ihn gefragt, was es denn außer Borussia Dortmund und Bayern München noch gibt. Er hat mir vom HSV erzählt und gesagt, dass die immer so mittel sind. Da wusste ich, dass das mein Verein ist. Alles, was immer so mittel ist, ist super. Ich will auch mitleiden können.

Carsten Schrader: Stimmt es, dass du einen Brief von Lukas Podolski bekommen hast?

Sasa Stanisic: Nein, nein. Wir haben eine Literaturfußballperformance gemacht und sind zu dritt durch Deutschland getourt. Während der WM haben wir 13, 14 Auftritte gehabt. In Hildesheim hatten wir eine Veranstalterin, mit der ich einen sehr witzigen Mailkontakt hatte. Sie ist Köln-Fan, und der HSV hatte gerade gegen Köln gewonnen. Also hat sie mir einen fingierten Brief von Lukas Podolski geschrieben. Darin steht, dass er sich die Übertragung des Bachmannpreises angeguckt und sich dabei in mich verliebt hat. Natürlich könne er das nicht vor seinen Nationalmannschaftskameraden sagen, weil Homosexuelle im Fußball ja verpönt sind, aber mit diesem Brief möchte er mir seine Gefühle nun mitteilen und mich gerne treffen. Und bei einem Treffen dürfe ich ihm dann gerne auch was vorlesen. Eigentlich war das ein Insider-Witz, trotzdem habe ich den Brief auf der Bühne gelesen, weil er ziemlich witzig ist. Aber der Brief kam von ihr. Zusammen mit einer kleinen Feder von einer Federboa.

 

Sasa will keinen Exotenstatus

 

Carsten Schrader: In einem Brief schreibt dein Romanheld Aleksandar: „Wenn jemand sagt, ich sei ein gelungenes Beispiel für Integration, könnte ich ausflippen.“ Andererseits gibt es eine Internetseite, wo der Autor Sasa Stanisic vom SPD-Abgeordneten Claus Wichmann als Praxisbeispiel Integration präsentiert wird …

Sasa Stanisic: Ja, das war eigentlich anmaßend. Genau darauf bezieht sich auch dieser Satz im Roman. Die SPD hatte mich zu einer Lesung eingeladen, aber ich wusste nicht, was dahinter steckt. Die Lesung war in dem Café, in dem ich früher gekellnert habe, und es war großartig, auch, weil alle meine Freunde aus Heidelberg da waren. Was aber als Bericht im Internet erschienen ist, war einfach ein Witz. Es gab kein richtiges Gespräch zwischen Claus Wichmann und mir. Er hat zwischendurch geredet, in der Pause, am Anfang und am Schluss. Der hat daraus eine Wahlkampfveranstaltung gemacht. Bei seiner Schlussrede habe ich dann gemerkt, dass er mich instrumentalisiert, dass er einfach jemanden wie mich mit diesem Hintergrund präsentiert und damit zeigt, dass die SPD sich auch für diese Menschen einsetzt. Ich hatte einfach keine Ahnung, was danach für ein Internetbericht rauskommt. Dass er sich als Retter des armen Sasa Stanisic hinstellt. Okay, sein Anliegen ist ja im Grunde ein gutes, aber es war halt auch Werbung für eigene Interessen. Und der Begriff „integriert werden“ reduziert mich. Als wäre man einfach ein Defizit gewesen, und dieses Defizit wäre dann erfolgreich umgekrempelt worden. Herzlichen Glückwunsch, jetzt sind wir integriert! Ich bin integriert, weil ich es will. Allein dieses Wort: integriert werden. Das ist mein Leben, keine Ahnung, ich weiß gar nicht, was es heißt, integriert zu werden.

Sasa will keinen Exotenstatus. Deutsch ist die Sprache, in der er sich am besten ausdrücken kann; sein Bosnisch ist noch immer auf dem Level eines 14-Jährigen. Für die Zukunft plant er Texte mit ganz anderen Themen als seine Heimat, den Krieg oder das Flüchtlingsdasein in Deutschland. Nebenbei muss er allerdings mit der Ausländerbehörde kämpfen. Noch immer besitzt er lediglich die „Aufenthaltsgenehmigung für den bestimmten Zweck des Studiums“. Erst wenn ihm der Aufenthalt zur Erwerbstätigkeit bewilligt wird, kann er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Dann darf er sich auch offiziell deutscher Schriftsteller
nennen.

 

Checkbrief

Name sasa stanisic

Beruf schriftsteller

Geburtsort Visegrad

Romandebüt „Wie der Soldat das Grammophon repariert“

Netz www.kuenstlicht.de

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