Bundestrainer, Eselficker
Wertschätzung wird das große Thema der nächsten Jahre. Aber Falk Schreiber fürchtet, dass niemand weiß, wie man sie zeigt.
Ihr Enkel habe sich um einen Ausbildungsplatz beworben, erzählt die Nachbarin. Wir freuen uns für sie, aber sie wirkt skeptisch: „Heute ist man ohne Abitur doch nichts wert!“, meint sie resigniert, und das wäre jetzt der Moment, an dem man einhaken müsste, „Das stimmt doch gar nicht!“ Aber womöglich hat sie recht. Womöglich ist man ohne Abitur nichts wert, aber womöglich ist man auch mit Abitur nichts wert. Womöglich ist man auch mit Studium nichts wert, als Geisteswissenschaftler, als Jurist, als alles, was nicht als MINT gelabelt ist. Oder?
Was heißt das überhaupt: der Wert eines Menschen? Wie misst man den? Früher war das einfach, da bemaß sich dieser Wert danach, was der Mensch auf dem Gehaltszettel hatte. Das konnte man schon damals kritisieren, allerdings: Der Bergmann aus Bochum war durchaus wichtig für die deutsche Gesellschaft, da schien es auch ganz in Ordnung, dass der ordentlich verdiente. Heute verdient er nicht mehr ordentlich, heute verdient er überhaupt nichts mehr, weil die letzte Zeche längst dichtgemacht hat, anscheinend ist der Bergmann der Gesellschaft nicht mehr so besonders wichtig. Ebenfalls nicht besonders wichtig scheinen die Künstlerin zu sein, der Krankenpfleger und die Friseurin, zumindest wenn man sich deren Durchschnittsverdienst anschaut (und den des Journalisten, ähem). Vielleicht kann man aber auch einfach sagen: Die Faustregel, dass man den Wert am Einkommen festmacht, stimmt nicht mehr, im Jahr 2018.
Alle doof außer mir
Aber woran dann? Gibt es so etwas wie öffentliche Wertschätzung? Wenn man die Sozialen Medien als Echokammer der Öffentlichkeit nimmt, muss man feststellen: kaum. Es gibt die Behauptung, dass in Deutschland 80 Millionen Bundestrainer leben würden: Praktisch jeder Einwohner glaubt, die Fußballnationalmannschaft besser trainieren zu können als der eigentliche Trainer und betont diese Eignung auch bei jeder Gelegenheit. Aber es geht nicht nur um Fußball, es geht auch um Verkehr – natürlich kann hierzulande niemand Auto fahren, außer man selbst. Fahrradfahrer sind grundsätzlich Amokradler. Fußgänger gehen eigentlich nur Spazieren. Und wer U-Bahn fährt, ist zu blöde, den Führerschein zu machen. Beamte sind außerdem faule Säcke, Feministinnen „Feminazis“, Muslime „Eselficker“, Soziologinnen labern den ganzen Tag. Wer aus Bayern stammt, kommt von der Alm, wer in Berlin lebt, lebt in einem Failed State, und wer in Bremen Abitur gemacht hat, hat bei Licht betrachtet gerade mal einen mittelprächtigen Hauptschulabschluss. Keine Abwägung von Eigenschaften, alles nur ein Draufgehaue, alle doof außer mir.
Zurück zum Bundestrainer. Im Fußball ist die Abwertung des Gegenübers zur Kultur geworden: Hannover-Fans schmähen Anhänger des Nachbarvereins Braunschweig als „aBSchaum“, nach dem Braunschweiger Autokennzeichen BS, in Dortmund bezeichnet man den Nachbarverein Schalke 05 als „Scheiße 05“. Deutlicher kann man seinem Gegenüber nicht zeigen, wie indiskutabel man es findet. Muss man sich wundern, dass die Leute nicht mehr miteinander reden, nach solchen Sprüchen? „So was gehört halt dazu!“, wiegeln Fußballfans ab, und wahrscheinlich steht gleich ein Hannoverscher Fan auf der Matte, der lauter Freunde aus Braunschweig hat, die über solche Sprüche laut lachen, Lachen ist immer gut. Mag sein, aber ich möchte nicht in einer Welt leben, in der man so etwas nicht schlimm findet, ich möchte in einer Welt leben, in der diese ständige Abwertung gar nicht passiert.
Ich mag mich als aufgeschlossen präsentieren – aber ist das wirklich so?
Ich bin ja auch nicht besser. Ich mag mich als aufgeschlossen präsentieren, als jemand, der niemanden abwertet, als jemand, der seinem Gegenüber immer erst mal die Hand hinhält. Aber ist das wirklich so? Auch ich habe Vorurteile, und in diesen Vorurteilen steckt eine Wertung. Ich bin skeptisch, wenn mein Gegenüber auf dem Land wohnt. Ich bin skeptisch, wenn mein Gegenüber religiös ist. Ich bin skeptisch, wenn mein Gegenüber ein traditionelles Familienmodell lebt. Ich werte ab.
Es ist nicht einfach. Aber ich glaube: Eine zentrale Frage der nächsten Jahre wird die Frage sein, wie wir mit Wertschätzung umgehen, wie wir es schaffen, unserem Gegenüber wieder zu sagen: Du bist wichtig. Lass dich nicht unterkriegen. Du bist nicht Teil einer Masse. Die Wirtschaft hat das Thema mit ihrer Einkommenskopplung an die Wand gefahren, und als Ergebnis haben wir jetzt eine fragmentierte Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der die Leute AfD wählen, Mauern bauen und sich abgrenzen. Ich aber meine: Wir sollten versuchen, das anders zu denken. Wir sollten uns von den vorgegebenen Kriterien frei machen. Wir sollten miteinander reden. Und wir sollten uns klarmachen, dass es klasse ist, wenn der Enkel der Nachbarin einen Ausbildungsplatz bekommt.
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