Hit the Road, Jack
Ein Politiker glaubt, dass U-Bahn-Fahren gefährlich sei. Falk Schreiber greift sich an den Kopf.
„Hast Du auch Angst, Deine Frau abends noch U-Bahn fahren zu lassen?“ Eine berechtigte Frage, meint Jörg Meuthen. Weil die U-Bahn eine No-Go-Area ist, in der frau ihres Lebens nicht mehr sicher ist. Auf eine ganz verquere Weise liegt Meuthen sogar richtig mit dieser „berechtigten Frage“, die er auf Facebook verbreitet: Eine U-Bahn ist öffentlicher Raum, und im öffentlichen Raum sind manchmal unangenehme Gestalten unterwegs, es schadet also nicht, ein wenig Vorsicht walten zu lassen und erst mal zu schauen, wer noch so im Waggon sitzt. Und sei es nur, um Junggesellenabschieden aus dem Weg zu gehen, betrunkenen Fußballfans oder dem jämmerlichen Saxofonisten, der von Station zu Station die immer gleich scheppernde Version von „Hit the Road, Jack“ zum Besten gibt.
Aber hier geht es nicht darum, Vorsicht walten zu lassen, es geht vor allem um Angst. Meuthen lebt in Karlsruhe, einer Stadt, die sich unter anderem dadurch auszeichnet, keine U-Bahn zu haben, aber natürlich wäre es naiv, wenn man da denken würde: Ach, der redet einfach von was, von dem er keine Ahnung hat. Denn es ist ja so: Meuthen ist im Hauptberuf Professor für Volkswirtschaftslehre – so jemandem traut man schon das nötige Abstraktionsvermögen zu, sich eine U-Bahn vorzustellen, auch wenn er nicht täglich eine vor Augen hat. Außerdem sitzt er für die rechtsextreme AfD im Europaparlament, und wenn er da Sitzungen besucht, wird er ja wohl mit der Bahn vom Flughafen Zaventem ins Brüsseler Zentrum fahren. Ich kenne übrigens den Brüsseler Nahverkehr. Beunruhigend ist die Fahrt mit diesen Bahnen nicht, vielleicht ein wenig unbequem. Aber, natürlich, wenn man es schon als beunruhigend auffasst, einen Raum mit anderen Menschen zu teilen, mit Menschen anderer Hautfarbe womöglich, die anders sprechen als man selbst, die an etwas anderes glauben, ja, dann kann man schon mal auf die Idee verfallen, dass es besser wäre, seine Frau nicht mehr mit dieser Bahn fahren zu lassen.
Was, wenn ich in die falsche Richtung denke?
Aber vielleicht denke ich in die ganz falsche Richtung. Vielleicht geht es gar nicht um die Beunruhigung von Jörg Meuthen, weil der als hochrangiger Rechtsaußenpolitiker sehr wohl weiß, dass das U-Bahn-Fahren ganz und gar nicht lebensbedrohlich ist, vielleicht geht es hier um – Marketing. Vielleicht geht es schlicht darum, ein paar Wähler einzufangen, die das eben nicht so richtig wissen, weil sie im Hochschwarzwald wohnen, in der Lausitz oder in einer anderen Region, von der aus man nur sehr selten in die Nähe einer U-Bahn kommt. Die denken: „Schlimm, was da in den fernen Metropolen passiert. Uns geht’s ja nicht schlecht, aber den Leuten dort, meine Güte. Und auch finanziell, ich meine, wir haben Geld, aber wenn man immer ein Taxi rufen muss, weil die Frau zum Kaffeekränzchen will oder die Tochter zum Ballett, dann wird das natürlich eng. Danke, Merkel!“
Tatsächlich ist es allerdings so, dass gerade die Heterogenität und der Stress des öffentlichen Nahverkehrs ein Segen sind. Weil sie nämlich das Durcheinander unserer Städte abbilden: Wann sitzen denn der Anwalt, die Migrantin, der Hafenarbeiter und die wissenschaftliche Mitarbeiterin schon einmal in einem Raum? Wenn nicht morgens in der Hamburger U4, die von der Hafencity Universität über die Elbphilharmonie und die Innenstadt bis ins soziale Brennpunktviertel Billbrook zuckelt?
Ich hoffe, auch in der hintersten Lausitz merkt man, wie hoffnungslos irre diese Forderungen sind.
„Ein reiches Land ist keines, in dem die Armen Autos besitzen. Es ist eines, in dem die Reichen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.“ Das Bonmot stammt vom ehemaligen Bürgermeister Bogotás, Enrique Penalosa, und er hat recht: In einem Land, in dem die Armen Autos besitzen, wird es immer noch Leute geben, die mit der Finanzierung des Autos überfordert sind, zumal die nicht eingerechnete Belastung der Allgemeinheit durch Abgase, Ressourcen- und Flächenverbrauch riesig ist. Der ÖPNV hingegen mag nerven, wenn man mal wieder auf die verspätete Berliner S-Bahn wartet, und als sie dann endlich kommt, führt sie nur drei überfüllte Waggons, und außerdem funktioniert die Klimaanlage nicht. Der ÖPNV mag auch grundsätzlich zu teuer sein. (Wobei er in jedem Fall billiger ist als mit dem Privatauto zu fahren. Allerdings hat man von dieser Rechnung nichts, wenn man gar kein Privatauto besitzt.) Und, keine Frage, in seltenen Fällen kann man im ÖPNV auch unangenehme Begegnungen erleben. Aber als Alternative zu sagen, dass man nicht mehr U-Bahn fahren würde – geht’s noch? Oder seiner Frau zu verbieten, U-Bahn zu fahren? Ich hoffe, auch in der hintersten Lausitz merkt man, wie hoffnungslos irre diese Forderungen sind.
In meiner Welt würden Frauen mir übrigens was husten, käme ich auf die Idee, ihnen vorzuschreiben, mit welchem Fahrzeug sie fahren dürfen und mit welchem nicht. Aber dass die AfD nichts mit meiner Welt gemein hat, okay, das wusste ich auch schon vorher.
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