HGich.T, welche Drogen empfehlt ihr?

HGicht.T aus Hamburg sind eine Performancegruppe. Aktionskünstler. Eine Band. Oder alles zusammen? Oder nichts richtig?

Falk Schreiber: „Heute geh‘ ich tot“, „Heute grüße ich meine Tante Thomas“, „Hammer geil ich Tattoo“ … Was heißt „HGich.t“ eigentlich?

Paul Geisler: Die Presse behauptete vor langer Zeit, es wäre „Heute geh‘ ich tot“. Warum? Auf dem ersten Album gibt es einen Song „Heute gehe ich wirklich“, der Refrain lautet „H G ich T“. Da muss man als knallharter Reporter natürlich den einzig plausiblen Schluss ziehen! Wir haben immer gesagt: „Hammer geil ich Tattoo“.

Falk Schreiber: Was erträgt man leichter: schlechte Musik oder schlechtes Theater?

Paul Geisler: Schlechtes Theater sieht man zu 99 Prozent gar nicht. Schlechte Musik läuft überall. Das ist natürlich Geschmackssache, aber wenn der Geschmack genervt ist, ist man total ohnmächtig.

Falk Schreiber: Gleich das erste Video auf eurer Seite konfrontiert einen mit Gestreifter-Feinripp/abgehängte-Kieferndecken-Erotik. Funktioniert „Nie wieder vergessen werden“ für euch so?

Paul Geisler: Es gibt so viel Buntes auf der Welt, das viel deutlicher oder viel anschmusender ist. Um es nicht zu vergessen, muss man es ganz oft konsumieren. Dazu lädt es nicht unbedingt ein, aber einige machen es trotzdem und werden dafür ihr Leben lang belohnt.

Falk Schreiber: Ist das wahre Leben so blöde, stumpfsinnig, böse, dass die Kunst einfach nicht mitkommt?

Paul Geisler: Das kann man tatsächlich so meinen. Oft versuchen Leute, uns mit der Frage „Warum macht ihr so einen Schwachsinn?“ anzugehen. Dann muss ich feststellen: Einen Panzer durch die Wüste zu lenken und mit ein paar Knöpfchen großes Feuerwerk und zerfetze Menschenreste zu produzieren, hat einen ebenso schwachsinnigen Charakter. Dennoch scheinen die Leute beides händeringend zu brauchen. Sonst gäbe es doch schon keine Panzer mehr. Oder kein HGich.T, denn beide haben ja auch viele schlimme Nachteile.

Falk Schreiber: Zum Stück „Niederlage über die Sonne“ heißt es: „Bewusst geht es dabei nicht um den Transport eines losgelösten Inhalts, sondern um die Erzeugung einer analogen ästhetischen Form, eines psychoaktiven Zustands. In der Negation von Bedeutung wird bei dem anarchischen Live-Happening und Cross-Over der Künste von Video, Musik, Action-Painting, Hartz-4-Poesie und Goa eine extreme Intensität erzeugt. In diesem ganz eigenen kraftvollen Performance-Akt liegt nicht zuletzt ein politisches Potential (sic!): Goa als soziale Praxis.“ Das müsst ihr uns noch einmal erklären.

Paul Geisler: Ach wir sind so viele, ich weiß nicht, wer das geschrieben hat, aber vermutlich wurde es für Leute mit vielen Fragen geschrieben, also für dich … Wenn ich das lese, denke ich, es soll einige Leute überzeugen, sich das Ganze anzusehen, Leute, die keine Goaparty besuchen würden, aber davon profitieren würden, täten sie es.

Falk Schreiber: Seht ihr euch überhaupt politisch?

Paul Geisler: Was wir machen, kommt ja aus dem Leben, die Musik und Shows handeln viel von dem wie es ist. Alle Filmchen sind - leicht übermetaphorisierte - Dokumentarfilmchen. Was zu sehen ist, mag ein bisschen provinziell erscheinen, weil es Namen, Orte und Zeiten aufruft, die einigen noch recht nahe sind und die andere schon vergessen haben. Aber letztlich kennt fast jeder Markus Lanz oder hat mal von der Loveparade gehört. Und wenn man über alles von fast allen nachdenkt, muss dass wohl politisch sein.

Falk Schreiber: Gibt es ein „zu laut, zu viel, zu drüber“?

Paul Geisler: Nein. Wenn schon, dann richtig viel. Denn weniger ist schnell zu wenig. Exzess ist ja nicht jeden Tag, und nicht immer geht er gut aus. Darum muss er doll sein, sonst wäre alles umsonst.

Falk Schreiber: Ist Langeweile eigentlich der glamouröseste Seinszustand überhaupt?

Paul Geisler: Kann sein. Auf jeden Fall ist sie rar und sehr wertvoll.

Falk Schreiber: Und weswegen ist Ironie eine Haltung, die im Grunde nirgendwo hinführt?

Paul Geisler: Das ist doch nur ein Sprachspielchen, was von einigen Leuten nun andauernd benutzt wird. Es ist ein gaaanz kleines bisschen elitär, weil einige Wenige es nicht verstehen. Es sagt nicht viel aus, außer vielleicht, dass die Gesellschaft ein unsichtbares Netz von schlecht zu Sagendem spannt, das man so umschifft.

Falk Schreiber: Welche Drogen empfehlt ihr, von welchen ratet ihr ab? Und weswegen?

Paul Geisler: Im ZDF gab es die Sendereihe „RauschGIFT“. Die kann man gucken. Die englische Regierung hat eine Studie über den Gefährdungsgrad der beliebtesten Drogen aufgestellt und war selber etwas überrascht. Darüber will man auch nicht mehr reden. Wissenschaftlich kurz zusammengefasst: Rauchen und Schnaps sind ziemlich mies, wenig Wirkung pro Schaden. Heroin bringt schon mehr, ist aber noch gefährlicher, im Verhältnis also noch schlechter. Hanfprodukte landen so im Mittelfeld. Eher gefahrlos, trotz drastischer Wirkung, ist LSD.

Falk Schreiber: In welchem Alter sollte man erwachsen werden?

Paul Geisler: Wird man heutzutage vermutlich erst in sehr hohem Alter, einige gar nicht. Viele, die meinen, sie hätten sich von ihren Eltern abgenabelt, leben mit deren Erbschaft gut. Oder jugendliche Unrast fährt im Porsche mit 50 Jahren gut.

Falk Schreiber: Ernsthaft: Gibt es moralische oder ästhetische Grenzen dessen, was in einer Performance darstellbar ist?

Paul Geisler: Nein. Wenn eine Performance den Anwesenden dient, muss sie dass auch ernsthaft tun. Wenn dazu eine Kuh platzen muss - dann kann man das nur geschehen lassen. HGich.T betrifft das nur insoweit, als dass einige Leute vielleicht andere Erwartungen haben und dann der Meinung sind, es würden Grenzen berührt. Das sind aber kleinere, verborgenere Grenzen als welche, die mit platzenden Kühen auszuloten sind.

 

Interview: Falk Schreiber und Lena Schütte

Checkbrief

Name HGich.T
Sind eine Künstlergruppe? Band? Who knows?
Kommen aus Hamburg
Studierten teilweise an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste
Mitglieder Lässt sich nicht genau sagen. Wikipedia listet 25 auf, darunter den Schauspieler und pensionierten Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt (opa16), den Posterboy Tutenchamun und Katarina Fischer (Karla Knyh). Unsere Fragen beantwortete Paul Geisler (Dr. Diamond).
Aktuelles Stück „Niederlage über die Sonne“, 12.–14. 6., Kampnagel (Hamburg), gemeinsam mit der Wiener Performancegruppe God’s Entertainment
CDs „Hallo Mama“ (EP, 2009), „Mein Hobby: Arschloch“ (2010), „Lecko grande“ (2012)
www.hgicht.de

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