Bonnie „Prince“ Billy, Bryce Dessner, Eighth Blackbird – „When We Are Inhuman“
Von Jonah Lara
Zusammen mit Bryce Dessner und Eighth Blackbird verfasst Will Oldham eine Liebeserklärung an die Menschheit und die Musik.
An der Tür steht Will Oldham. Diesmal mit dem klassischen Ensemble Eighth Blackbird und The Nationals Bryce Dessner. Alles klar, kommt rein, Schuhe bitte abtreten. Die Jacken könnt Ihr da hinhängen, machts euch bequem vor dem Feuer. Als sie gehen, ist es schon wieder hell, und es fehlen die Worte für das, worüber man nachdenkt. Man verabschiedet sich nicht. Eigentlich haben sie auch schon seit Stunden keine Musik mehr gespielt, sondern waren einfach nur da. Wann die Musik aufgehört hat, lässt sich nur schwer sagen, aber sie hängt immer noch in der Luft. Die Gäste haben getanzt und jubiliert. Sie haben getrunken und geflucht; minutenlang die Luft angehalten um Schatten an die Wand zu werfen, die ihr Atem verwischt hätte. Sie haben Geschichten erzählt, über die man lachen und weinen möchte. Aber vor allem möchte man staunen. Über die unmenschliche Schönheit des Lebens und der Welt; über das zeitlose Spektakel des Alls und des Nichts; über die Spiralen, in denen sich die kleinsten, unteilbaren Teile der Welt zu einem Mosaik verweben, das nie endet und das niemand sieht.
Die These von „When we are inhuman“ ist, dass Musik so etwas nicht nur auslösen kann, sondern muss. Wieder und wieder. Jede Art – Nicht nur die, die sie hier spielen. Eighth Blackbird, Dessner und Oldham stellen klappernden, jovialen Folk neben zerebrale Avantgarde und sonnendurchflutete Neoklassik: Als Teile desselben menschlichen Impulses, sich die Welt und sein Gegenüber zugänglich zu machen. Entsprechend vielfältig sind die Klangfarben und Texturen. Auf „Beast for thee“ schwimmt Will Oldhams Stimme gelassen dahin, getragen von einem Strom aus Streichern. Perkussion und Klavier durchbrechen die Oberfläche punktuell wie ein Schwarm Fliegender Fische. „Down in the Willow Garden“ bricht sofort mit dem Idyll, malt eine sprunghaftere Version einer ähnlichen Szene. Oldham und die Flötistin Nathalie Joachim stehen in einer Lichtung, um sie herum schwirren Streicher, und Klavierstriche wie Libellen. Sie singen. Vielleicht hacken sie Holz, vielleicht stehen sie nur da, und genießen das Licht. Das ist letztlich auch egal. „New Partner“ könnte mit seiner prominenten Gitarre und den unaufdringlichen Streichern ein Club-Konzert irgendwo in der Einsamkeit einer Großstadtnacht sein. „When thy Song“ klingt dagegen andächtig wie ein Klostergebet bei Kerzenschein. Dass diese disparaten Stimmungen so zueinander finden – sich nicht nur nicht widersprechen, sondern bestärken – ist dem brillanten Arrangement der Pianistin Lisa Kaplan geschuldet. Am deutlichsten wird das in der mutigsten der Neufassungen von Oldhams Stücken: „One with the Birds“: Das zärtlich tastende Klavier, sowie die querstehenden Flöten und Streicher umwehen die unscheinbare Melodie von allen Seiten, spielen sich zu einem riesigen Wind auf und verschwinden dann plötzlich. Oldham bleibt alleine zurück, und flüstert, wie für sich selbst „When we are inhuman, we’re one with the Birds / When we hide our Feelings, we may as well fly away.“
Letztlich ist „When we are inhuman“ eine Meditation über Gegensätze, ebensosehr wie ein Testament darüber, wie Kunst und Kommunikation vermögen, sie in Verbindung münden zu lassen. Die Texte kreisen um die Natur und den Menschen, um Zärtlichkeit und Gewalt, um Heiliges und Profanes. Ihre Auflösung findet nicht statt. Oldham, Dessner und Eighth Blackbird machen es sich nicht leicht. Sie besingen die Rätsel der Welt, feiern und verfluchen sie, lachen über sie und prosten sich zu – und finden darin Kraft, Nähe und Wärme. Als logischer Schluss dieses Prinzips endet das Album beinahe wortlos mit dem unvollendeten Stück des New Yorker Komponisten Julius Eastman „Stay on it“: Eine Suite, die Disco und der queeren Szene um Stonewall genau so verpflichtet ist, wie der westlichen Klassik. „Stay on it“ meint den Beat, den Puls der Stadt, den Herzschlag der Natur. Die Komposition verblieb als Fragment, es liegt bei den Spielenden, sie zusammen zu vollenden. Einem Mantra gleich kreist sie beständig um eine Figur, die immer wieder aufsteigt, um zu fallen. „Stay on it“ singen Nathalie Joachim und Will Oldham wieder und wieder – und damit ist alles gesagt.
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