Half Moon Run: „A Blemish in the great Light“ könnte den Indiepop retten
Von Jonah Lara
Es hört sich an, als käme dieser Auftrag irgendwo von oben: Half Moon Run könnte es tatsächlich gelingen, den Indiepop zu retten.
Ist Indiepop es wert, gerettet zu werden? Das ist eine sehr ernste Frage: Man muss den Verdienst gegen die Verbrechen des Genres aufwiegen, und bei all den Mumford & Sons-Verschnitten, die in den letzten Jahren aufgetaucht sind, fallen einem Präzedenzfälle für das letztere deutlich leichter ein. Ausgerechnet im Vorprogramm von Mumford & Sons hat die Welt eine der derzeit wohl spannendsten Indiepop-Bands kennen gelernt. Auch wenn das aufs erste Hören wie ein zweifelhaftes Kompliment wirkt: Hört man das nunmehr dritte Album von Half Moon Run, ist da trotz aller Vorurteile gegen das Genre etwas. Selbst wenn die Harmoniegesänge, die hüpfenden Gitarrenriffs und Klaviermelodien auf Abwehrhaltung stoßen – meist schon nach wenigen Sekunden kommt eine musikalische Wendung, die versöhnt. Vielleicht ist Indiepop es wert, gerettet zu werden. Und wenn, dann sind Half Moon Run dazu auserkoren: Ihre Band-Vita liest sich sogar beinahe so, als käme dieser Auftrag irgendwo von oben.
„Direkt bei unserer ersten Jam-Session haben wir angefangen, Songs zu schreiben und Harmonien gesungen. Da war irgendwas besonderes im Gange.“
Auf die Frage nach der Craigslist-Anzeige, die zur Gründung von Half Moon Run geführt hat, muss Dylan Phillips lachen. „Ich habe die Anzeige gar nicht selbst gesehen. Meine Schwester hat mich darauf hingewiesen und meinte: Komm mal aus deiner Musikschul-Ecke raus! Ich hatte eigentlich gar kein Interesse daran, in einer Band zu spielen, ich habe klassisches Klavier studiert und wollte auch sicher nicht Schlagzeuger werden.“ So wirklich klar sind die Rollen bei ihnen auch heute nicht verteilt: Jeder der vier Kanadier spielt im Songwriting-Prozess das, was gerade in den Song passt, und auch bei Konzerten wechseln sie laufend das Instrument. „Es kann zum Beispiel passieren, dass jemand eine Melodie hört, die in einen Song passt, aber sie selbst nicht umsetzen kann. Dann gibt er das Instrument dem, der diesen Part spielen kann.“ Diese spontane, selbstverständliche musikalische Verbindung war von Anfang Teil der Band – und für Dylan der Grund, seine Skepsis hinter sich zu lassen. „Direkt bei unserer ersten Jam-Session haben wir angefangen, Songs zu schreiben und Harmonien zu singen. Da war irgendwas besonderes im Gange.“
„Es kann passieren, dass jemand eine Melodie hört, aber sie selbst nicht umsetzen kann. Dann gibt er das Instrument dem, der diesen Part spielen kann.“
Und es ist wirklich etwas im Gange, wenn Indiepop so frisch zu klingen vermag. Ihre musikalische Neugier entsteht aus ihren grundverschiedenen musikalischen Hintergründen, die intuitive Kommunikation quasi voraussetzen: „Das war sehr interessant für mich: Ich konnte die formelle Perspektive aus meinem Studium für die Kommunikation innerhalb der Band nicht benutzen. Aber wir haben gelernt, dass wir nicht über Musik reden müssen. Wir müssen sie nur fühlen.“ So kommt es, dass die melodischen Wendungen und die raffinierten Kniffe im Arrangement so organisch wirken. Sie sind nicht das Ergebnis einer Band, die zwanghaft versucht, einen öden Sound wieder aufzubereiten: „Wir fühlen uns da rein. Wir haben sehr unterschiedliche Meinungen, und oft diskutieren wir, wo ein Song hingehen soll, was funktioniert und was nicht. Das Ergebnis ist immer sehr einzigartig. Wir sagen uns nicht: Dieser Song sollte catchy sein, dieses Arrangement sollte komplex sein.“
„Wir sagen uns nicht: Dieser Song sollte catchy sein, dieses Arrangement sollte komplex sein. Es ist das Ergebnis eines Prozesses, wir fühlen uns da rein.“
Wenn Half Moon Run also den Indiepop retten, dann nur aus Versehen. Und mehr ist auch gar nicht notwendig: Denn am besten ist „A Blemish in the great Light“ eh, wenn sie den Genre-Bezug als Ausgangspunkt wählen, um etwas anderes daraus zu machen. Wie die Single „Flesh and Blood“ trotz der federnden Gitarre mit pulsierenden Synthies direkt klar macht, dass es nicht in die 00er-Revival-Disco geht, und dann langsam mit Beach-Boys-Harmonien, Lap Steel, Klavier und Orgel über den Horizont fliegt; wie sich das meditative Panorama „New Truth“ mit Kinderchören und blinkenden Gitarren fünf Minuten lang gänzlich ungezwungen um sich selbst dreht – Das hat nichts mit Indie-Mief zu tun.
A Blemish in the great Light erscheint am 1. November.























































