Swans-Chef Michael Gira über „Leaving Meaning“ und die neuen Beatles
Interview Jonah Lara
Mit ihren letzten drei Alben haben sich Swans einen Trademarksound erspielt. Jetzt wirft Frontmann Michael Gira alles um.
kulturnews: Michael, im Vorfeld der Veröffentlichung eures neuen Albums „Leaving Meaning“ hast du Swans als feste Band aufgelöst. Hat das etwas mit dem neuen Material zu tun?
Michael Gira: Nein, wir hatten einfach unsere Grenze erreicht. Wir hatten das Gefühl, als Gruppe nicht noch mehr leisten zu können.
Es wirkt aber schon bezeichnend, dass das erste Album nach der Auflösung des festen Line-ups „Leaving Meaning“ heißt, oder?
Gira: Nun ja, unser neuer Ansatz ist ein ganz anderer Arbeitsprozess. Die alte Band hat viel zusammen gespielt, und das Material hat sich in Übereinstimmung mit unserer Performance verändert. Die Musik hat uns gespielt, nicht andersrum. Sie wurde zu einem Medium für uns, und hoffentlich auch für unser Publikum, um an einen anderen Ort zu gelangen. „Leaving Meaning“ ist ganz anders. Ich versuche hier, einen Film aus der Musik zu schaffen. Die Musik führt nicht an den gleichen Ort, weil sie auf ganz andere Weise entstanden ist.
Aber mit Norman Westberg, Phil Puleo, Thor Harris und Kristof Hahn ist ja der Kern der Swans schon noch vertreten.
Gira: Das hat sich so ergeben. Meine Aufgabe als Produzent war es, zu entscheiden, was jeder einzelne Song brauchte. Die Besetzung für die ersten Songs der Sessions war aber komplett anders.
Inhaltlich scheint es auch relevant zu sein, dass „Leaving Meaning“ sich so viel mit Identitäten beschäftigt – Gerade jetzt, wo ihr euer festes Line-up aufgelöst habt.
Gira (lacht): Ich finde Identität fadenscheinig. Falsch. Wenn du sehr still sitzt und nur nachdenkst, woher kommen diese Gedanken? Das interessiert mich: was dahinter steckt. Aber ich schreibe nicht, um etwas zu erklären. Der reine Akt des Machens ist mir wichtig. Die Interpretation der anderen, wie meine Musik in der Welt sitzt – das betrifft mich nicht. Ich versuche nur, eine Erfahrung zu schaffen, die dringlich und nötig ist, und wie die Menschen das wahrnehmen ist natürlich persönlich eingefärbt.
Dafür, dass „Leaving Meaning“ so viel infrage stellt, klingt es sehr gelassen, bisweilen sogar selig. Wie kommt das?
Gira: Oh, ich weiß es nicht. Ich denke, das ist einfach ein Ausdruck davon, wer ich gerade bin und wohin es mich zieht. Ich setze mich mit meiner Akustikgitarre hin und spiele Akkorde, die einen Satz oder ein Bild in mir wecken, und langsam – leider sehr langsam – tauchen Worte auf. Dann finde ich einen Weg, sie zu singen, und schließlich entscheide ich mich, eine Struktur um sie zu bauen, wenn mir dieses Bild gefällt.
Hat es vielleicht auch mit den Menschen zu tun, mit denen du für das Album zusammengearbeitet hast?
Gira: Eventuell. Ich arbeite mit Menschen, deren Gesellschaft ich genieße und deren Talente ich bewundere. Und ich habe zwar das Sagen, aber wenn die Persönlichkeit der Einzelnen nicht durchscheinen würde, würde die Musik nicht gelingen. Also muss ich mehr wie ein Dirigent fungieren und es annehmen, wenn etwas geschieht, das ich nicht erwarte. Das sind immer die besten Momente: wenn etwas passiert, das ich nie hätte erwarten können.
Gab es auf „Leaving Meaning“ viele Überraschungen?
Gira: Ja, andauernd! Ich gebe eine Richtung vor, und im besten Falle heben die Anderen das Material auf ein neues Level. Das ist die Freude daran, mit anderen zusammenzuarbeiten. Ich denke die Beispiele, die am meisten herausstechen sind „Leaving Meaning“ und „The Nub“ – die zwei Songs, auf denen The Necks spielen. Ich kenne sie sehr gut, und wenn ich an ihre Musik denke, habe ich eine ziemlich klare Vorstellung von ihrem Sound. Als ich diese Songs geschrieben hatte, habe ich sie ihnen ganz ohne Anweisungen gegeben. Was sie daraus gemacht haben, hat mich sehr überrascht, aber es hat auch irgendwie einfach gepasst. Kennst du The Necks?
Von den Albumcredits, aber ihre eigene Musik habe ich noch nicht gehört. Hast du eine Empfehlung, was den Einstieg angeht?
Gira: Ich würde „Body“ empfehlen, ihr neuestes Album. Und wenn du das gehört hast, wirst du dir vielleicht alle ihre Alben holen wollen. Sie lassen sich sehr vage als eine Jazz-Band definieren, denn sie arbeiten mit einem sehr klassisches Jazz-Setup: Kontrabass, Schlagzeug und Klavier, aber sie solieren nicht. Sie arbeiten ein bisschen wie Swans: Sie errichten einen Klang und folgen ihm dann. Wenn sie auf die Bühne gehen, wissen sie nie, was sie spielen werden. Dabei entstehen diese ungeheuren Klanglandschaften. Sie live zu sehen, ist ein ganz besonderes Erlebnis, aber auch ihre Alben sind toll.
In den Liner Notes steht, dass du The Necks 2010 auf dem „Big Ears“-Festival das erste Mal gesehen hast. Hattest du da schon vor, mal mit ihnen zusammen zu arbeiten?
Gira: Oh nein. Ich habe das nie für möglich gehalten. Sie haben ein paar Shows mit uns in Australien gespielt, nachdem ich sie auf dem „Big Ears“-Festival in Tennessee gesehen habe. Danach sind wir in Kontakt geblieben, und für dieses Album habe ich den Mut aufgebracht, sie zu fragen, ob sie an zwei Songs mitwirken würden. Ich war sehr glücklich, dass sie mitgemacht haben. Für mich sind sie wie die Beatles, wie Götter. (lacht)
Das, was du bei The Necks beschreibst, klingt sehr nach „Leaving Meaning“ – aber auch schon Teile von „The glowing Man“ waren frei-assoziativ und weniger zielgerichtet. Ist diese Ähnlichkeit Zufall?
Gira: Meistens finde ich in der Musik, die hinter uns liegt bereits ein Element, das nach vorne weist. Dann verwerfe ich den Rest, der überholt oder vorhersehbar ist, und weite die Teile aus, die auf dem letzten Album bereits präsent waren, aber nicht im Vordergrund standen.
Weißt du schon, wie das nächste Swans-Album klingen wird?
Gira: Ja, ich stelle mir eine Farbe vor. In einem Wort zusammengefasst wäre es vielleicht: „Rauch“. Ich denke da an das Sfumato in der Ölmalerei. Eine Technik, die Konturen nicht scharf zeichnet, sondern verraucht und verschwommen wirken lässt.
Leaving Meaning ist gerade erschienen. Das Album könnt ihr auf Amazon kaufen.
Ab April 2020 sind Swans außerdem auf Europa-Tour. Tickets gibt es auf Eventim.























































