Zurück zu den Wurzeln: Daniel Puente Encina
Interview Jonah Lara
Daniel Puente Encina begann seine musikalische Reise mit Punk und New Wave – nun wendet sich der Chilene mit seinem neuen Album „Sangre y Sal“ dem Sound seiner Heimat zu.
kulturnews: Daniel, du hast deine lange Karriere ja als Frontmann der Pinochet Boys mit Punk, Post-Punk und New Wave begonnen. Welche Rolle spielt dieser Sound heute in deiner Musik?
Daniel Puente Encina: Natürlich ist mir diese Musik sehr vertraut, was sie ausdrücken möchte und wie sie entsteht – und das, obwohl ich sie kaum mehr höre. Ich nehme an, dass sie immer noch meine Art Musik zu machen beeinflusst. Allerdings beschäftige ich mich seit Jahren mit Flamenco, südamerikanischer Folklore und arabischer Musik.
kulturnews: Nachdem du so viel unterschiedliche Musik gemacht hast – siehst du einen übergreifenden Einfluss in deiner Diskografie? Eine Konstante, die immer gegenwärtig ist?
Daniel Puente Encina: Ich glaube, dass es einen Roten Faden in meiner Musik gibt. Was sich geändert hat, ist eher die Verpackung, also die Instrumentierung, die Textur und die Atmosphäre. Ich kann sogar alle meine früheren Postpunk-Kompositionen mit meiner jetzigen Formation spielen und es funktioniert prächtig.
kulturnews: Wie kam es zu den zahlreichen Kollaborationen mit Fatih Akin?
Daniel Puente Encina: Fatih hatte meine damalige Band „Niños con Bombas“ live in Hamburg gesehen. Wir haben zu dem Zeitpunkt alle dort gelebt und deswegen regelmässig in der Stadt gespielt. Also hat er irgendwann gefragt, ob wir Teil des Soundtracks seines ersten Spielfilms „Kurz und schmerzlos“ werden möchten. So hat die Zusammenarbeit begonnen, und wir sind Freunde geworden. Er hat damals Bass gespielt und hat mich oft zum jammen mit seinen türkischen und griechischen Freunden nach Altona eingeladen, wo wir ganze Nächte mit Spielen verbracht haben.
kulturnews: Hast du jemals eine Phase in deinem Leben gehabt, in der dich die musikalische Neugier verlassen hat? Wie bleibst du neugierig und umgehst die Gefahr, dich auf das Vertraute zu verlassen?
Daniel Puente Encina: Ganz im Gegenteil, manchmal habe ich mich mit mir selber gelangweilt, weil ich an meine eigenen Grenzen gestoßen bin. Ich bin immer auf der Suche nach dem Anderen, weil ich die Beziehungen zwischen verschiedenen Musikstilen sehr bewusst wahrnehme. Dann bleibt nur noch die Frage, ob dieses Neue zu mir passt und wie natürlich ich damit umgehen kann.
kulturnews: Ist „Sangre y Sal“ die musikalische Erkundung deiner Heimat, die erst durch die vielen Jahre in Europa möglich ist? Eine Rückkehr? Eine Aussöhnung?
Daniel Puente Encina: Auf jeden Fall habe ich erst hier in Europa damit angefangen zu reflektieren, was es bedeutet, Südamerikaner zu sein. Als Teenager in Chile wollte ich Musik wie die Bad Brains oder Nick Cave machen. Aber mit jedem Projekt sind meine musikalischen Wurzeln mehr und mehr an die Oberfläche gelangt. Als Aussöhnung würde ich das nicht bezeichnen. Ich glaube, das Aufbrechen zur musikalischen Reise beinhaltet bereits die Rückkehr. Man geht, um zurückzukommen.
kulturnews: Wie kommt es, dass mit „Love is the only Sound“ ein einziger englischsprachiger Song auf dem Album gelandet ist. Gibt es ein System, oder entscheidest du nach Bauchgefühl, in welcher Sprache du textest?
Daniel Puente Encina: Die meiste Zeit texte ich auf Spanisch. Die Ausnahmen sind die Songs, die ich für meine nicht spanischsprechenden Freundinnen geschrieben habe (lacht). Nein, manchmal kommt es einfach so aus mir heraus, und ich schreibe auf Englisch. Wie diesen Song, der mich an alte Hollywoodfilme der 50er Jahre, als Cha-Cha-Cha in Mode war, erinnert. Im Allgemeinen fühle ich mich besser und sicherer, wenn ich in meiner Muttersprache schreibe.
kulturnews: In den letzten Jahren ist die Jazzszene offener und vielseitiger geworden. Ist sie eine Szene, in der du dich wohl fühlst?
Daniel Puente Encina: Ja, ich und meine Musik passen sehr gut in die Jazzszene. Musiker*innen aus den unterschiedlichsten Kulturen wurde durch die Szene ein grosser Raum geöffnet, in dem sie sich treffen und experimentieren können. Ich verbinde Jazzelemente wie Blues und Swing mit südamerikanischer Folklore, sowie Karibik- und Afro-Rhythmen. Aber ich verstehe mich selbst nicht als Jazzer.
kulturnews: Würdest du „Sangre y Sal“ als eine Platte mit politischer Haltung bezeichnen?
Daniel Puente Encina: Es kommt auf den Song an. Ich glaube, dass wir Menschen nicht „nicht-politisch“ sein können. Irgendwie kommt immer etwas rüber, was unsere Gefühle gegenüber der Gesellschaft ausdrückt. Ich schreibe stets aus dem Bauch heraus, weil mich das mehr interessiert, und meist geht es in meinen Songs um die Stimme der einzelnen Person gegenüber dem Staat.
kulturnews: Wie hätte dein jüngeres Ich wohl reagiert, wenn es Anfang der 90er „Sangre y Sal“ gehört hätte?
Daniel Puente Encina: Das Album hätte mit Sicherheit meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Vielleicht nicht sofort, weil kein Schlagzeug und keine elektrischen Gitarren vorhanden sind, aber wahrscheinlich hätten mich die Melodien und manche Afro-Rhythmen begeistert.
„Sangre y Sal“, findet ihr auf Amazon.
In den kommenden Monaten ist Daniel Puente Encina außerdem auf Deutschlandtour:
19. 7. Neckertailfingen
4. 8. Bamberg
8. 8. Bramsche
26. 9. Berlin
17. 10. Bielefeld
18. 10. Dortmund
19. 10. Hannover
20. 10. Hamburg
Tickets findet ihr bei Eventim.























































